Ich gehöre noch zu der Generation, die gerne Gebrauchsanweisungen studiert, bevor sie ein Gerät in Betrieb nimmt. Oft sind sie zwar nur holprige Übersetzungen aus dem Koreanischen in ein Kauderwelsch, das nur entfernt an Deutsch erinnert. Davon wird man auch nicht gerade schlauer. Zuletzt sind sie ganz ausgeblieben. Die jungen Menschen eignen sich die Technik durch Ausprobieren an (was unsereinem mehr als fremd ist). Und ja, ich weiß schon: Weil die Nachfrage nach Nachhilfe offensichtlich riesig ist, gibt es für jeden Handgriff ein passendes Erklär-Video auf YouTube.
Und trotzdem gibt und gab es immer wieder Situationen, wo das Fehlen einer Gebrauchsanweisung besonders schmerzt. Als die beste aller Töchter zur Welt kam, zum Beispiel. Aber Babies, größere Kinder sowieso, haben ohnehin eine innere Gebrauchsanweisung mitbekommen, die ihnen die richtigen Kniffe erklärt, damit die Mutter problemlos funktioniert. Leider reichen diese Instruktionen gerade einmal bis zur Pubertät, dann reißen sie abrupt ab – gerade dann, wenn sie am dringendsten vonnöten wären. Da heißt’s dann: Augen zu und durch.
Augen zu und durch? Ist das womöglich auch die Parole für das Alter, für das uns niemand eine Gebrauchsanweisung mitgibt?
Nein.
Im Gegenteil. Die Parole heißt sicher: Augen auf – so lange es geht!
Vor kurzem wurde in einer Zeitung eine Liste mit Handlungsanweisungen abgedruckt, die ein Lehrer seinen Schülern zum Stressabbau zusammengestellt hat. Diese 101 Ratschläge wurden „viral“ – sie verbreiteten sich epidemisch in den sozialen Medien, also muss die Nachfrage nach Lebenshilfe in allen Altersgruppen riesig sein (wofür auch die Vielzahl an Ratgeberliteratur spricht, die allerdings meistens nur ihre Verfasser bereichert). Ist ja auch klar: Leben ist Stress. Und Altwerden besonders.
Ich habe in der Liste viel Nützliches gefunden. Nützlich in verschiedener Weise. Einmal, weil mich mancherlei an Wichtiges erinnert hat: „Schau hinauf zu den Sternen“ – mache ich das noch oft genug? „Koch Dir eine Mahlzeit und iss sie bei Kerzenlicht“ – in jungen Jahren war die Kerze ein wichtiges Wohlfühl-Utensil, wie konnte ich das nur vergessen? „Kauf Dir eine Blume“ – oder pflück Dir eine, wie recht der Listen-Schreiber hat! Um wieviel schöner sie das Leben macht! Hatte ich doch früher immer gewusst…
Dann hat mir der Herr Lehrer gegen den Alters-Stress geholfen, der entsteht, weil man die zugewachsenen Schwächen unbedingt verbergen will. „Bitte um Hilfe, wenn Du etwas tun musst, was Dir widerstrebt“ – na, warum nicht? Besonders, wenn sich mir eine Tätigkeit physisch widersetzt. „Verlass Dich nicht auf Dein Gedächtnis, schreib’s Dir auf“ – eben, was wäre ein Leben ohne Listen!
Mancher Ratschlag war überflüssig: Stressabbau durch „Steh 15 Minuten früher auf“? Dafür sorgt ohnehin die senile Bettflucht.
Ich häbe die Liste noch um einiges ergänzt. Nicht nur: „Lächle!“, sondern auch: „Lache herzlich, so oft es geht!“ Und vor allem darf ich angesichts der Zielgeraden jenen Satz nicht vergessen, der mich durch mein Leben getragen hat: „Count your blessings“ – sei dankbar für das, was Du hast. Vieles geht nicht mehr wie früher? Aber manches geht doch noch! Also freu ich mich eben darüber. Hauptsache: Freude. Na, wenn das nicht die bestmögliche Gebrauchsanweisung ist!
P.S.: Neue Gedanken der Alten lesen Sie in drei Tagen!
