DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Alt – na und?

9.12.2025

„Jetzt bin ich alt.“

Wenn man zu wenig Übung hat, sich erfolgreich um Wahrheiten herumzuschwindeln, dann bleibt einem dieser Satz irgendwann einmal nicht erspart. Und dann geht’s auf die Hochschaubahn der Gefühle. Zuerst Schockstarre – das darf doch nicht sein, jetzt ist alles vorbei. Dann Hilflosigkeit – was jetzt, kann ich wirklich nichts dagegen tun? Es folgen Trauer, Resignation, Verleugnung, Verzweiflung, Aufbegehren.

Es ist kein Trost, dass das Überschreiten dieser Schwelle in den Vorraum zum Nichts immer schon problematisch war – „lang leben will jeder, nur alt werden will keiner“, ätzte schon Johann Nestroy. Aber ausgerechnet jetzt, wo die Alten in Österreich wie im Rest Europas die beherrschende Bevölkerungsgruppe werden – ein Fünftel der wahlberechtigten Alpenrepublikaner ist jetzt schon über 65 –, finden wir uns eingeklemmt zwischen Jugendkult und Altersdiskriminierung. 

Kosmetik-, Lebensmittel- und Pharma-Industrien machen ihr Milliarden-Geschäft, indem sie ihren Produkten die Zauberfloskel „Anti-Ageing“ voranstellen. Als ob man gegen das Verrinnen der Zeit nur ein Pülverchen schlucken oder ein Cremechen einreiben müsste. Wie tief diese Anti-Ageing-Ideologie schon ins Bewusstsein eingesickert ist, zeigt die traurige Tatsache, dass schon Zehnjährige zu Anti-Ageing-Cremen greifen. Eine Verirrung der Gefühle, die auch für die künftige Akzeptanz des Altwerdens nicht Gutes verspricht.

Politik, Werbung und Unterhaltungskultur bringen nicht genug Mut auf (oder unterschätzen uns Alte viel zu sehr), uns beim Namen zu nennen. Sie reden um den heißen Wahrheitsbrei herum und erfinden immer neue Beschönigungen: Mal sind wir die BestAger, dann die Golden Girls, die Silberrücken und die Grauen Panther – dabei sind wir einfach alt – na und?

Um kein Deut besser ist die Gruselbezeichnung „Senioren“, denn da schwingt Spott mit. Eigentlich hat man da nur eine Silbe vergessen oder unterdrückt: Seni-li-oren, das ist wohl gemeint. 

Auch die Medien haben einen Weg zur Altersleugnung gefunden: „70 ist das neue 50“ ist die populäre positive Schlagzeile – vor drei Jahren war noch 60 das neue 40, zwei Jahre früher 50 das neue 30. Warum bitte nicht gleich: Alt ist das neue Jung?!

Ehrlich: Mir geht dieser verlogene Umgang mit den späten Jahren auf die Nerven.

Natürlich juble ich nicht darüber, alt zu sein. Aber es ist keine Katastrophe. Auch wenn mir bewusst ist, dass es in die Zielgerade geht, dass die Kräfte und die Gesundheit schwach und schwächer werden, dass ich abbaue – körperlich und geistig. Ich weiß, dass vieles nie mehr möglich sein wird.

Da stehe ich: mit viel zu vielen Gestern und viel zu wenig Morgen.

Alles richtig, aber: Ich habe das Heute! Und das will, das darf gelebt werden. Auch und besonders als Alte. Wie wunderbar!

P.S.: Neue Gedanken der Alten lesen Sie in drei Tagen!

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
briefkasten@diealte.at

Vorletzte Gedanken (Archiv)

Die schreckliche Null

Warum wiegt für uns die Null so schwer? Zumindest dann, wenn es um die runden Geburtstage im Alter geht? Man kann sich noch so sehr gegen die Tyrannei der Zahlen auflehnen, ihr Gewicht zu ignorieren versuchen, nur als willkommenen Anlass fürs Anstoßen betrachten –...

Schweigen ist Gold

Was hätte ich mit 20 gerne gewusst, was ich jetzt weiß? Oder mit 35? Ja, sogar mit 50? Sagen Sie nicht, das seien müßige Fragen, weil man ohnehin nichts mehr ändern kann – auch falls sich dieses späte Wissen als hilfreich entpuppen könnte. Oder weil man in den jungen...

Altes Eisen?

Der große Psychiater Oliver Sacks hat seine Lebensjahre immer mit den Ordnungszahlen der Elemente im Periodensystem verknüpft. Demnach wäre ein Siebziger verbunden mit Ytterbium (Yb), einem nicht gerade aufregenden Metall, das aber (immerhin!) zu den seltenen Erden...

Die Alten und die Zukunft

Bitte. Werfen Sie mir ruhig Altersdiskriminierung vor. Aber ich meine es völlig ernst und ehrlich: Mit 71 sollte sich niemand berufen fühlen, an die (auch nur erweiterte) Spitze eines Landes zu treten. Die vielen alten weißen Männer mit 73 (Xi Jinping), 74 (Vladimir...

Der trügerische goldene Pinsel

Wenn die Tage kürzer und die Temperaturen unwirtlicher werden, dann beschäftigen wir Alten uns (noch) öfter mit Erinnerungen. Das kann mehr als gefährlich sein. Was sind sie denn eigentlich, diese Boten aus dem eigenen Untergrund? Halten wir uns nur so gerne in...