DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Die Altersfreiheit nehm‘ ich mir!

4.09.2026

Wir sind eine Generation ohne Vorbild. 

Vor uns hat es noch nie so viele und so gut erhaltene Alte gegeben – immer in Friedenszeiten gelebt, der allgemeine Wohlstand von Jahr zu Jahr gewachsen, die Arbeitswelt immer weniger körperverschleißend, der medizinische Fortschritt unaufhaltsam. Und da sind wir nun, die stetig wachsende Mehrheit der Alten, aber eigentlich wissen wir nicht, welchen Platz wir beanspruchen sollen.

Die Alten früherer Zeiten hatten es da noch leichter. Sie galten als weise, ehrwürdig, als Autorität. Das war aber sicher nur das Ergebnis ihres Seltenheitswerts – 2,5 Millionen Weise: das glaub niemand, dass die alle weise wären. Am wenigsten wir selbst. Wie das Sprichwort schon sagt: Alter schützt vor Torheit nicht (wobei leider auch die Umkehrung stimmt – Torheit schützt nämlich vor Alter überhaupt nicht…)

Der Jugendkult – der uns die lächerlichen Alten beschert hat – ist auch vorbei. Zum Glück. Und dass – wie Salvador Dali so richtig sagte – der schlimmste Fehler der Jugend ist, dass man nicht dazu gehört, das ist das Verhängnis der Mittelalterlichen, nicht der Alten. Wir Alten halten die Jungen aus, im Gegenteil, wir mögen sie. Wir bedauern ja auch nicht, dass wir nicht mehr zu ihnen gehören. Genauso glauben wir nicht, dass sie dümmer wären als wir. Und wir wissen auch, dass jeder noch was lernen kann – auch wir.

Nein, ich denke, wir sind mit uns und unserem Standort im Lebensgefüge im Lot.

Aber leben wir das auch – sichtbar, öffentlich und hoch erhobenen Hauptes?

Beanspruchen wir unseren Platz in der Gesellschaft überhaupt? Wieso greift immer noch allzu oft der eigenartige Automatismus, dass man ab einem bestimmten oder unbestimmten runden Geburtstag glaubt, dass man „nicht mehr dazugehört“, verschwindet, unsichtbar wird, nicht mehr zählt? 

Vielleicht, weil’s halt immer so war? Dann ist es aber höchste Zeit umzudenken. Höchste Zeit, selbstbewusst weiterzumachen.

Natürlich ist hier ein ernstes Einsprengsel nötig: Ja, es gibt sie vielerorts in dieser Republik, die Altersdiskriminierung. In vielleicht einmal gut gemeinten Bestimmungen am Arbeitsmarkt, die für uns Alte von heute kontraproduktiv sind. Im Gesundheitswesen, das sich dem Diktat der leeren Kassen beugt. Im Regelwerk von Banken und Versicherungen. Wenn sich der Gesetzgeber über Reformen auf diesen Gebieten traut, die ihren Namen verdienen, weil sie die Alten als aktiven Teil der Gesellschaft anerkennen und ihnen den Spielraum vergrößern, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, würden alle gewinnen. Aber die Diskussion beschränkt sich auf Reizwort-Mantras wie „Pensionslast“ und „wir müssen länger arbeiten“ – und sie droht dort stecken zu bleiben. So lange, bis alles zu spät ist. Jetzt wären neue Wege, neue Ansichten, neue Absichten gefragt. Dann werden wir niemanden „erdrücken“, wir, „die Pensionslast“.

Heutzutage würde Schillers Marquis Posa vom König sicher fordern: „Sire, geben Sie Altersfreiheit“. Aber weil wir wissen, wie lange es mit der Gedankenfreiheit des Originals gedauert hat, müssen wir sie uns eben selbst nehmen.

Jetzt.

Und anfangen kann da wohl nur jeder bei sich selbst. Mit einem unerschütterlichen neuen Alters-Selbstbewusstsein – so lange es geht, als gäbe es ein Morgen.

P.S.: Bis nächsten Freitag dann!

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
briefkasten@diealte.at

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