Was hätte ich mit 20 gerne gewusst, was ich jetzt weiß? Oder mit 35? Ja, sogar mit 50?
Sagen Sie nicht, das seien müßige Fragen, weil man ohnehin nichts mehr ändern kann – auch falls sich dieses späte Wissen als hilfreich entpuppen könnte. Oder weil man in den jungen Jahren ohnehin die Lebensweisheit gepachtet zu haben glaubte und gern auf fremde Einsichten verzichtete.
Ich stelle mir manchmal diese Frage, weil ich mit zunehmenden Jahren ganz unwillkürlich die wachsende Neigung verspüre, meine Erfahrung mit jüngeren Menschen zu teilen. Wäre doch schade, würden die Nachkommenden nicht von meiner angelebten Weisheit profitieren? Die Frage ist rhetorisch. Die Antwort gibt der vielsagende Antwort-Blick der besten aller Töchter: Ja Mutter, ist schon gut. Danke. Aber: Danke, nein.
Natürlich: Früher hatte ich es noch selbst gewusst – jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen. Das kann man auch als liebende Mutter seinem Nachwuchs nicht ersparen – jeder muss sich den Kopf selbst anhauen, bevor er lernt aufzupassen. (Diese Weisheit, die freilich nicht erst in den späten Jahren herangereift ist, sondern irgendwie „früher“ ein Gemeinplatz des kleinen Erziehungs-Einmaleins war, würde ich gerne mit den Helikopter-Eltern teilen, die ihren Nachwuchs durch ständige Überwachung beschützen wollen. Ist schon ein Jammer, dass man niemandem an dem unendlichen Schatz der eigenen Lebenserfahrung teilhaben lassen kann.)
Das ist die eine Seite. Die andere ist aber nicht minder ernüchternd: Die Antwort auf die Frage, was hätte ich mit 20 (35,50) gerne gewusst, was ich jetzt weiß, ist eigentlich nur mit einer Gegenfrage zu beantworten: Was hätte sich denn ausgezahlt zu wissen?
Etwa – für den großen Liebesschmerz der 20jährigen: Ein gebrochenes Herz setzt voraus, dass man überhaupt eines hat. Und wie die Erfahrung lehrt: Große Gefühle können halt auch weh tun. Geht aber vorüber. Und wenigstens in Herzensangelegenheiten kommt oft etwas Besseres nach.
Oder für die bedrohliche Zukunfts-Ungewissheit eines 35jährigen: Man ist nie zu alt, um auf die Nase zu fallen. Aufstehen und weitermachen. Das Leben geht weiter – auch wenn es manchmal eindeutig zu weit geht.
Oder für die Endzeit-Panik einer 50jährigen: Kein Grund sich aufzuregen – das ändert ja doch nichts. Mach das Beste draus.
Das alles stimmt – aus der späten Perspektive. Aber hätte ich das gerne früher gewusst? Hätte es irgendwas gebracht? Nein – denn eigentlich heißt es nichts anderes als: Ist alles nicht so wild – die Tränen, die Ängste, die Sorgen nicht wert. Aber hätte man auf all diese großen Gefühle verzichtet – es wäre kein Leben gewesen. Zumindest keines, das sich ausgezahlt hätte. Drum vergrab ich meinen Erfahrungsschatz tief in mich hinein und bin froh, dass sich niemand daran hält, wenn mir einmal etwas davon unabsichtlich herausrutscht.
P.S. Immer wieder freitags!
