„Anti-Ageing“ – das Wunder wirkt – veröff
Es gibt so viele verschiedene Versuche, den Zeitpunkt festzusetzen, ab dem ein Mensch „alt“ ist. Und noch viel mehr, die genau das Gegenteil bezwecken – nämlich dieses deprimierende Etikett „alt“ von uns weg zu argumentieren. Da muss man gar nicht so weit gehen, den dümmlichen Spruch von „60 ist das neue 40“ zu verallgemeinern: „Alt ist das neue Jung“. Blödsinn. Alt ist alt.
Aber was ist „alt“?
Ist man alt, weil man das gesetzliche Pensionsalter erreicht hat?
Weil die Kerzen auf der Torte nicht mehr mit einem Atemzug auszublasen sind?
Weil der Geburtsschein aus dem letzten Jahrhundert – noch ärger: aus dem letzten Jahrtausend! – stammt?
Weil das Stiegensteigen langsamer und atemaufwändiger wird?
Weil man modisch ganz top sein will und „cool“ oder „urgeil“ sagt, so wie die eigenen Kinder – freilich vor langer Zeit, als sie noch in die Volksschule gingen?
Sind wir alt, weil andere uns so einstufen?
Natürlich: Wer schon lange lebt ist „nicht mehr jung“. Um das Wort „alt“ drückt jeder Höfliche sich gern herum. Vielleicht, weil wir uns selbst ganz gern darum herumschwindeln. Weil wir das Gefühl haben, dass diese winzige Silbe ein Hieb auf den Kopf ist, ein Ab-Urteil, der Hinauswurf aus der Gesellschaft.
Zeit, dagegen aufzubegehren – mit einem neuen Selbstbewusstsein. Die nach uns Geborenen werden immer mehr mit uns rechnen müssen, denn wir werden immer zahlreicher. Und sie müssen am besten rasch lernen, dass die Gesellschaft durch unsere eigensinnige Langlebigkeit nicht grau wird – sondern altersbunt (ã Leopold Rosenmayr). Aber um bunt zu sein, müssen wir unsere eigene Definition von „alt“ auf einen aktuellen Stand bringen.
Ich habe dafür Nachhilfe bei Sir Peter Ustinov genommen, der sagte: „Alt ist der Mensch, wenn er aufhört zu staunen“.
Wie weise und wie wohlfeil dieses „Anti-Ageing“ ist!
Bereiten Sie sich auf den Herbst als einen echten Schnellsiede-Kurs in Staunen vor. Die Aufgaben sind: Heben Sie nur eines dieser gelb-roten Blätter auf, aus dem sich das Grün entlang der Adern gerade zurückzieht. Oder werfen Sie einen Blick auf den Wald, wie er täglich bunter wird.
Staunen wir über die Wunder der Technik – wenn uns das James-Webb-Teleskop einen überwältigenden Blick auf vor Abermillionen von Jahren wallende Nebelgebilde ermöglicht (was sind da schon unsere 70, 80 Sommer dagegen – alt?!).
Es gibt so viel zu staunen. Bewusst zu staunen. Wer einmal anfängt damit, kann gar nicht mehr aufhören.
Natürlich – wir haben schon vieles gesehen (aber nicht alles, wie so viele junge Menschen), es hat sich vieles schon sehr oft wiederholt. Aber über Schönheit kann man gar nicht oft genug staunen – und über Neues sowieso. Und mit dem Staunen stellt sich Freude ein. Und mit der Freude Neugier nach mehr vom Alten, mehr vom Neuen. Und so lässt sich gut alt sein.
Mich muss keiner Golden Girl nennen. Es reicht komische Alte. Ich finde das erstaunlich lustig.
P.S.: Sie wissen schon: Nächsten Freitag sehen wir uns wieder!
