DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Wunder und unsere alten Kinder-Augen

18.05.2026

Dürfen Alte noch an Wunder glauben? Sollte sie das Leben nicht über all die Jahre eines Besseren belehrt haben?

Im Gegenteil.

Laut Albert Einstein gibt es ja nur zwei Weisen, die Welt zu betrachten: Entweder man glaubt, dass nichts auf der Welt ein Wunder sei, oder aber, dass es nichts als Wunder gibt. 

Ich bekenne: Ich gehöre mit ziemlicher Sicherheit zu letzterer Kategorie – zumindest an den guten Tagen und wenn die Sonne scheint. Und das wirklich Eigenartige daran ist, dass diese weltverzaubernde Sicht der Dinge sich erst mit dem Altwerden eingeschlichen hat. In jüngeren Jahren waren die Ereignisse, denen ich das Etikett Wunder anheftete, sehr, sehr rar.

Vielleicht, so frage ich mich, hatte ich einfach viel zu viel zu tun, um sie – so wie jetzt – überall zu sehen? Vielleicht auch hat man in jungen Jahren gar nicht die Zeit, auf ein Wunder zu warten – das meiste muss man einfach selbst erledigen. (Und in der Rückschau ist es schon fast ein Wunder, was man da alles bewältigt hat.)

Jetzt muss ich gar nicht warten. Jetzt sind sie überall.

Dabei ich kann recht gut unterscheiden zwischen einem Wunder und dem Fortschritt, der Wunder bewirkt. Wie anders könnte man denn beschreiben, was uns die Medizin an Lebensqualität und Lebensspanne schenkt? Was uns die Technik an Möglichkeiten eröffnet – vom Überwinden von Entfernungen bis zum Blick in die unendlichen Sternentiefen?

Auch aus diesen wunderbaren Dingen besteht die Welt – die aber ohnehin voller Wunder ist, die ich erst jetzt sehe. Manchmal keimt in mir die Vermutung, dass wir – einmal befreit von den vielen Lasten und Pflichten, die das Leben in jüngeren Jahren freilich nicht nur, aber auch ausmachen – wieder den unbeschwerten offenen Blick der Kinder zurück-bekommen. Nein, wir werden nicht infantil (und ich wehre mich dagegen, mich so behandeln zu lassen). Aber vielleicht haben wir schlicht wieder genügend Zeit, richtig zu schauen. Und genügend Offenheit, richtig zu sehen. Oder sind einfach kurzsichtig genug, das Wunder im Kleinen zu erkennen. 

Zum Beispiel das Wunder der Blattnarben. Wahrscheinlich habe ich in den Naturgeschichts-Stunden (jaja, so hieß das damals) nicht genügend aufgepasst – aber dieses Wunder der Natur ist dort nicht vorgekommen: Dass die Narbe, die das Kastanienblatt hinterlässt, wenn es abfällt, aussieht wie ein Kastanienblatt? Oder das Nussbaumblatt wie eine Nuss? 

Plötzlich weiß man wieder, dass der Alltag, der ja das Leben ist, nicht so einfach dahinplätschert, sondern voller Wunder ist, wo immer man auch hinschaut. Man muss sie nur entdecken und enttarnen. Und sich darüber freuen.

Natürlich: Das sind Alltagswunder, die in tragischen Tagen von Krankheit oder Verlust, wo nur mehr das große Wunder helfen könnte, nicht zählen. Aber sogar dann: Wo wären wir ohne sie?

P.S.: Bis in vier Tagen!

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
briefkasten@diealte.at

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