Manchmal plagiiert das Leben jene Geschichten, die die anonymen Erfinder der Märchen und Sagen und danach viele Dichter oft und eindringlich erzählt haben. Jetzt ist es wieder passiert.
Erst vor kurzem habe ich den Tech-Milliardär Bryan Johnson erwähnt – zugegeben, als schlechtes Beispiel für den Umgang mit dem Geschenk Leben (Sie finden „Man trägt wieder Alter“ im Archiv!). Statt es mit den Menschen, die er liebt, zu genießen, statt die Wunder dieser Welt zu erkunden (mit 800 Millionen Dollar auf dem Konto ein Leichtes – ich hätte ihm gerne eine Reiseroute erstellt…), statt vielleicht Kunst zu sammeln, hatte er nur ein Ziel: Er wollte für immer den Körper und das Gesicht eines 18jährigen behalten.
Dem opferte er seinen gesamten Tag: Viel, viel medizinisch überwachter Sport, hunderte Pillen schlucken, Blutplasma-Verabreichungen, wieder Sport, Und um 11 Uhr vormittags ab ins Bett, um das angeblich korrekte Schlafpensum zu erreichen. Und dann hatte er vor, sich noch vor dem Tod einfrieren zu lassen. (Ich frage mich immer, warum Menschen in 150, 200 Jahren Interesse daran haben sollten, jemanden in die Mikrowelle zu legen und aufzutauen. Aber vielleicht werden diese kryotherapierten Oldies dann so etwas wie die Mumie als Stoff für Horrorfilme der Zukunft.)
Herr Johnson hat die Natur austricksen wollen und dafür nicht nur ein Vermögen (sei’s drum!), sondern alles geopfert, was das Leben schön macht. Manche machen das mit ihrem Broterwerb, die nennt man dann Workaholics. Herr Johnson war sicher kein Life-aholic.
Nun aber hat das Leben zugeschlagen: Trotz aller seiner Anstrengungen um die Jugend zwingt ihn sein Körper – oder das Schicksal? – dem Tod ins Auge zu schauen: Eine Autoimmun-Gastritis – „mein Magen frisst sich selbst auf“, erklärte er – lässt seinen Traum platzen.
Armer, reicher Mann? Nun ja, jeder ist zu bedauern, der leidet. Und jedes Ende eines Lebens ist traurig.
Aber erstens beweist es einmal mehr, dass es vieles gibt, das Geld nicht kaufen kann – vor allem Jugend und Glück.
Und zweitens sollte es uns alle davon abhalten, die modische Longevity-Industrie in Anspruch zu nehmen. Die hat ein Milliardengeschäft daraus gemacht, die Illusion aufzubauen, man könne den Körper durch ständige Kontrolle ewig am Laufen halten – wie das Auto mit dem Pickerl… Für gewaltige Summen gibt’s Bluttests im Abonnement, regelmäßige Ganzkörper-MRTs (wo unsereins für ein marodes Knie oft wochenlang auf eine derartige Untersuchung warten muss) und angeblich wundertätige Kältekammer-Sitzungen. Der Schlaf wird ebenso penibel protokolliert wie sonstige Vitalfunktionen – und natürlich gibt es zentnerweise unnötige „Nahrungsergänzungsmittel“, die vor allem das Bankkonto ihrer Erzeuger ergänzen.
Aber der Körper ist keine Maschine. Und – siehe Bryan Johnson – man kann noch so viel Geld und vor allem Lebenszeit in vermeintliche Jungbrunnen und Unsterblichkeitsphantasien investieren: Es ist nur verschwendete Lebensenergie.
Die traurige Geschichte des reichen Mannes ist nur ein weiterer Beweis: Nur keinen einzigen Tag verschwenden, an dem man glücklich sein könnte, lieben könnte, lachen könnte. Und wenn’s der letzte wäre. Dann nämlich besonders.
P.S.:
In eigener Sache
Ihre Alte hat augenscheinlich Probleme mit dem Tagezählen. Da denke ich, dass ich ohnehin erst vorgestern einen Beitrag veröffentlicht habe und dann stellt sich heraus, dass das vor einer Woche war. Also Schluss mit dieser Erbsenzählerei. Von nun an heißt’s:
FREITAG IST ALTE-TAG!
Also: Jeden Freitag Neues von der Alten. Bis dann!
