DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Das U des Glücks

23.05.2026

Seit einiger Zeit grüble ich über den Brief eines freundlichen Lesers. Er empfindet Unbehagen über meine Fröhlichkeit, die müsse künstlich sein – denn Altwerden sei zumindest unangenehm.

Letzteres weiß ich auch. Und trotzdem muss ich mich nicht künstlich anstrengen, fröhlich zu sein. Wer leben möchte, muss alt werden. Dagegen lässt sich nichts machen. Darüber zu hadern, so habe ich beschlossen, ist Zeitverschwendung. Wenn sie mir schon geschenkt sind, diese späten Jahre, dann kann ich sie genauso gut fröhlich genießen – mit und trotz der ungebetenen Falten, Schwächen und Zipperlein. Schön war früher, jetzt ist eben anderes schön.

Und zu meiner großen Freude gehöre ich mit dieser Alterszufriedenheit zur überwältigenden Mehrheit – weltweit! 

Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass das Glücksgefühl im Lauf der meisten Leben eine U-förmige Kurve durchläuft. Hochgestimmt und voll der glücklichen Erwartung stürzt sich die Jugend ins Geschehen, wenn der Weg dann in die geregelten Bahnen kommt, sinkt der Glückspegel meist ab – bis hin zur bekannten Midlife-Crisis. Und dann kommt’s wieder, wie der Phönix aus der Asche, und schwingt sich oft zu Anfangshöhen auf – das Glück. Besungen als Vogerl, ist es vielmehr eine Hochschaubahn.

Man nennt das auch das Paradox des Alterns.

Und paradox ist es wirklich: Vom jugendlichen bis mittelalterlichen Standpunkt aus betrachtet, scheint das Alter grau, freudlos – angeblich unterwegs zur Endstation Demenz. Doch meist beginnt die Lebenszufriedenheit ab 50 zu steigen – oft unaufhaltsam immer weiter. Leider nicht immer, denn Alter und Schicksal, das Leben als solches eben, haben auch mit Leid, Verlust und Vereinsamung zu tun.

Vielleicht ist es aber genau dieses Wissen um die mögliche Schwere des Daseins, die ein dankbares (trotziges?) Glück in den späten Jahren erzeugt. Die Wissenschaft hat jedenfalls keine Erklärung für den seltsamen und unerwarteten Verlauf der Glückskurve. Sei’s drum. Man muss nicht alles erklären können. 

Ich nehme einfach dankbar zur Kenntnis, dass ich nicht mehr meiner Zeit mit Kind, Küche und Beruf hinterher hechle, sondern alles in meinem eigenen Tempo machen kann: mit dem Enkel scherzen (und ihn bei Problemen den zuständigen Eltern in die Hand zu drücken), mit Muße kochen (und jüngere Mitesser den Tisch abräumen zu lassen), auch einmal gar nichts machen – ganz ohne das Gefühl zu haben, dass ich mich dafür entschuldigen muss (vor wem eigentlich?).

Keine Angst mehr, dass man etwas versäumen könnte, kein „höher, weiter, schneller“-Ehrgeiz – und vor allem: keine Frage nach dem Morgen.

Es zählt das Heute. 

Und da gibt es so viel, das die Glückskurve in die Höhe treibt: vom Lachen des Enkels über den Abend mit Freunden bis zur Blütenpracht im Park an der Ecke. Da muss die Fröhlichkeit im Alter nicht künstlich sein.

P.S.: Bis in vier Tagen!

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
briefkasten@diealte.at

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