DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Psssst! Früher war alles besser!

3.05.2026

Da sage noch einmal einer: Keiner weiß, wie das geht – alt sein. Falsch. Ich kenne jemanden, der es ganz genau weiß. Wie ein besserwisserischer Oberlehrer sitzt dieser Jemand in einer Ecke meines Hirns und spielt sich auf. Übt ständig Zensur, rüffelt mich und macht sich auch noch lustig über mich: He, im Alter leidet doch nur das Kurzzeitgedächtnis, also bedien‘ Dich gefälligst Deiner Langzeit-Grauen-Zellen, die solltest Du doch noch haben!

Dieser lästige Jemand ist – so schwer es mir auch fällt, das zuzugeben – mein eigenes Ich aus jungen Jahren. Damals wusste ich ganz genau, wie das geht, eine Super-Alte zu sein. Damals fand ich Falten sooo schön und interessant, ich würde sie einmal mit Stolz tragen. Einmal, ja, später, irgendwann.  Dass das gar nicht schön ist, wie schnell der strahlende Pfirsich-Teint einem knitterfreudigen Gesichts-Plissee weicht – wie soll das eine junge Unbesiegbare wissen (ätsch, junges Ich, auch mit der Unbesiegbarkeit bist Du falsch gelegen…)? 

Daneben gibt es freilich manches, bei dem ich meinem (unbedarften) jugendlichen Ratgeber für die späten Jahre bisher bereitwillig gefolgt bin. Ich habe mir unter Anleitung dieser Stimme aus der Vergangenheit so manche Redewendung verboten – weil ich nicht vergessen habe, wie sehr sie mein junges Ich genervt hat und als hieb- und stichfester Beweis galt, dass da jemand nichts als ein nerviger Alter war. Das größte Ärgernis aus Alten-Mund war immer: Ja, früher war das besser. Das? Aber nein: Alles! Ich habe mich redlich bemüht, bei dem jugendlichen Schwur zu bleiben, das nie zu sagen. Sogar jetzt noch, wo ich ganz sicher weiß, dass früher alles besser war.

Doch – es lebe die Wissenschaft! Die sagt nämlich, dass das gar nicht anders sein kann. Wir müssen finden, dass „die Jugend von heute“ rowdyhafter ist, „die Kinder von heute“ unerzogener, das Fernsehprogramm einschläfernder, das Obst weniger schmackhaft, die Menschen weniger hilfsbereit – mit einem Wort, dass heute alles weniger gut ist als früher. 

Bei einer Analyse von mehr als 500.000 psychologischen Interviews haben Professoren von amerikanischen Spitzenunis herausgefunden, dass uns der Hang zum Verklären der Vergangenheit angeboren ist. Nicht nur Alte bewerten etwa das Benehmen der Jugend von heute als schlechter – obwohl (was in Kontrollfragen ermittelt wurde) tatsächlich nur sehr wenige eine konkrete Situation erlebt haben, die das bestätigen würde. Die Erklärung liegt in unserem Erinnern: Negatives verdrängen wir schneller, Positives hegen und pflegen wir. Der Stachel des Liebeskummers schwindet, die rosige Erinnerung an das erste Herzklopfen beim Erscheinen unseres Lebensmenschen bleibt. 

Das goldene Zeitalter liegt in der Vergangenheit, so sind wir programmiert. Früher war alles besser. Eben. Aber vielleicht sollten wir das nicht laut sagen.

P.S.: In vier Tagen wieder….

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
briefkasten@diealte.at

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