DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Aus alt wird neu

28.04.2026

Alles neu, macht – nicht der April, sondern laut Lied-Weisheit erst der Mai. Nein, stimmt auch nicht. Wie ich internationalen Medien entnehme, hat das gemachte Neue weniger mit der Jahreszeit als mit dem Lauf der Jahre zu tun.

Die unaufhaltsame kalendarische Wiederkehr macht nämlich nur vordergründig alt. In Wirklichkeit werden wir alle sechs Jahre neu. (Sie bemerken sicher: Ich weigere mich, diese revolutionär altenfreundliche Entdeckung durch den Gebrauch der indirekten Rede auch nur dem Hauch eines Zweifels auszusetzen.)

In meiner Schulzeit habe ich noch gelernt, dass sich die Haut des Menschen alle sieben Jahre vollständig erneuert – seither habe ich aber lernen müssen, dass auch eine so eindeutig klingende Bezeichnung wie „neu“ sehr relativ ist. Muss denn „vollständig neu“ wirklich „vollständig runzelig“ heißen? „Neu“ habe ich mir immer anders vorgestellt.

Der Sechs-Jahres-Zyklus spielt allerdings auf das innere Neuland ab. 

Alle sechs Jahre ein neuer Mensch: das hat was.

In den frühen Phasen wird das Innere freilich von außen diktiert: Am Ende der ersten Sechs setzt die Schulpflicht ein – eine absolute Umwälzung, für die gesamte Welt sichtbar. Nach den zweiten Sechs ist man ein „Teen“-ager, ein wahres Erdbeben, auch wenn seine Stärke meist nur in der betroffenen Innenwelt wahrnehmbar ist (bis auf jene Ausläufer, die auf einer nach oben offenen Eltern-Schmerz-Skala gemessen und gemeinhin Pubertät genannt werden). 

Im weiteren sind die Sechser-Zyklen vielleicht nicht mehr so ganz genau abgezirkelt, aber doch lebensbegleitend: Einschnitte wie Schul-/Lehr-Abschluss, das Eingehen einer festen Bindung, Nachkommenschaft – und es geht schon wieder von vorne los. Die Innen-Phasen werden weiterhin von außen diktiert: Kleinkind-Elter, Schulkind-Geplagter, Sorgen-Begleiter, Groß-Elter.

Und dann? 

Dann ist Schluss mit der ewigen Wiederkehr. Dann bekommen wir die große Freiheit geschenkt, uns (mindestens) alle sechs Jahre neu zu erfinden. Denn nach der zehnten Sechs gehört das Leben uns selbst. Und nach diesem Jahr des aufgezwungenen Stillstands fühlt sich alles, was nach Veränderung riecht, mehr als begehrenswert an. 

Jetzt habe ich also genug zu tun – ich muss die nächsten sechs Jahre planen. Wer will ich diesmal sein?

Beginne ich das Jahr-Sechst des Party-Tigers, weil ich gar nicht genug bekommen werde, mit meinen Freunden gemeinsam das Leben zu feiern? Oder wird es das Jahr-Sechst des Lückenfüllers? Werde ich wenigstens einige von meinen ozeanischen Wissenslücken auffüllen – am besten die kunsthistorischen durch ein Wanderstudium durch Rom und Florenz? 

Wie auch immer, eines ist gewiss: Es wird ein Jahr-Sechst der unbegrenzten Möglichkeiten. Und danach kommt das nächste. 

Wie schön, wenn Alt(er) neu wird. 

P.S.: Freu mich auf ein Wiederlesen in vier Tagen!

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
briefkasten@diealte.at

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