Sie kennen ja das berühmte Wasserglas, das dem Pessimisten halb leer, dem Optimisten halb voll scheint. Wenn Sie mich fragen: Am liebsten hab‘ ich’s ganz voll. Und darum ist es auch kein Zeichen von Endzeit-Gejammer einer weinerlichen All-zu-viel-Jährigen, wenn ich zu Vielem sage: Dazu ist das Leben zu kurz!
Dazu! Wozu?
Oh, es gibt vieles, wofür es sich beileibe nicht lohnt, dass ich meine kostbare Energie darauf verschwende. Und zwar vor allem nicht in den endenwollenden Tagen/Wochen/Monaten/Jahren, die mir noch bleiben.
Da gibt es das alte Sprichwort: Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken. Richtig. Aber es ist auch zu kurz, um bei der puritanischen neuen Mode des „Dry January“ mitzumachen – gar kein Alkohol, weil das weihnachtliche Festessen samt Weinbegleitung und das silvesterliche Gläschen Prosecco zum Anstoßen (vielleicht einmal zu oft angestoßen – macht auch nix) im Nachhinein als Sünde wider den Fitness-Wahn Kasteiung als tätige Reue fordern?
Nicht mit mir.
Ich lasse keine Köstlichkeit mehr aus, keinen Anlass zum Feiern, der nach einem prickelnden Schlückchen verlangt – dazu ist das Leben zu kurz! Und wenn Sie mich fragen: Nicht nur meines und das meiner Mit-Alten mit begrenztem Zukunfts-Ausblick. Nein, jedes Leben. Absichtlich auf Freude zu verzichten, das Schöne, das Leichte, das Wunderbare zu meiden, weil irgendein selbsternannter Guru (im modernen TechSprech auch Influencer genannt) Asketentum und Körperqualen als höchsten Gipfel der Glückserfahrung preist?
Auch nicht mit mir.
Zum Leben gehört unweigerlich die Lust, die Lebenslust. Und jede ihrer Spielarten hat ihre Zeit, ihre alterskonforme Ausprägung. Durch die Feuer der Leidenschaft sind wir wohl durch (natürlich gibt’s da wie überall Ausnahmen), auch das unglaubliche Vergnügen, einen Pulverschneehang hintunterzucarven, müssen wir zur Schonung all unserer Knie-, Hüft- und sonstigen Ersatzteile in unseren Oldtimer-Körpern als schöne Erinnerung abhaken. Und da könnte ich jetzt noch vieles aufzählen, was einmal Lebenslust bedeutet hat.
Aber auch zum Nachweinen ist das Leben zu kurz.
Auch das Leben der Alten besteht aus einer unglaublich langen Reihe von Freuden – großen und kleinen. Großen, wenn der Blick auf das strahlende Gesicht des Enkels fällt, der seinen geliebten Hund umarmt. Kleine, wenn sogar die Wintersonne meine faltige Stirn wärmt. Wenn vorlaute Tulpen-Spitzen schon im Jänner aus dem Dunkel des Unterirdischen drängen. Wenn eine lange vermisste Kinderzeichnung der besten aller Töchter überraschend aus den unendlichen Tiefen meiner sorgsam gepflegten Papier-Unordnung auftaucht.
Freuden, Freuden überall: Man muss sie sich nur als solche bewusst machen. Sie zu übersehen: Dazu ist unser aller Leben viel zu kurz.
P.S.: Nur zur Erinnerung: Neues von der Alten gibt’s in vier Tagen!
