DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Ich liebe sie noch immer. Justament!

3.04.2026

Ich gestehe. Ich habe sie geliebt.

Ich bereue nichts, im Gegenteil. Hoch erhobenen Hauptes und mit der mir zustehenden Portion Altersstarrsinn will ich allen verurteilten und verdammten Geliebten meiner jungen Jahre ein Loblied singen. Mit der geballten Leidenschaft einer Großmutter. 

Warum auch nicht: Der Richter ist ja nur der Zeitgeist.

Was ist denn die vornehmste Aufgabe einer Omi? Das Vorlesen. Eben. Wo doch sogar die Wissenschaft bestätigt, dass das dem Enkel einen reichen (Wort-)Schatz schenkt und ihn mit der Liebe zum Buch, zur Literatur ansteckt. Und darum liest man vor, was man selbst geliebt hat, wodurch man selbst zum Leser wurde. 

Aber diese Liebe ist heute ein Vergehen. Angeblich.

Ach, Pippi Langstrumpf, ich habe noch gelesen, dass Dein Vater Efraim ein Negerkönig ist. Und so wie Du habe ich das als eine hohe Ehre empfunden – und nicht als Beleidigung dunkel Pigmentierter. Mein schönes Schneewittchen darf nicht mehr putzen, singen und sich küssen lassen – das widerspricht der feministischen Doktrin. Und Du Fritz: Von Dir habe ich gelernt, dass man seiner Mutter folgen soll – und nicht, dass der böse Kindesentführer Hadschi Bratschi ein Türke ist und damit eine Beleidigung für Zuwanderer.

Und Du, meine frühe Liebe Winnetou! Du musst jetzt sterben, weil Du der erstaunlichen Phantasie eines Weißen entsprungen bist, der Deine Prärie zwar nicht kannte, aber eine der schönsten Erzählungen über Freundschaft geschaffen hat? Freundschaft, die nicht nach Hautfarbe fragt, so wie es jetzt die übereifrigen neuen Rassisten tun.

Nur wer Literatur nicht versteht, nimmt sie wörtlich. 

Aber, um meinen geliebten Enkel vor den hoch erhobenen Augenbrauen der PC-Apostel zu bewahren, stammle ich halt beim Pippi-Lesen von Südsee-Insulanern (besser?) herum. Schneewittchen wird schon nicht sein Frauenbild verderben – und für Winnetou ist er (leider, leider) noch zu klein. Aber ja, ich werde ihm den (vielleicht nur in der Erinnerung) tollen Film mit dem rot geschminkten Pierre Brice vorspielen. Ich werde ihm auch den schwarz geschminkten Sir Lawrence Olivier als besten aller Othellos zeigen. Die Theaterschminke dient nicht der kulturellen Aneignung, sondern der Aneignung von Kultur. Noch dazu ist ja Winnetou ein Edler und Othello das Opfer des absolut Bösen – des Weißen Jago. Und das müsste doch die neuen Rassisten freuen, aber dazu müssten sie in ihrer Kindheit sinnerfassendes Lesen gelernt haben. 

Sollen wir denn unsere Enkel wirklich den nur zum Kämpfen trainierten Pokémons überlassen? Werden sie dadurch bessere Menschen als durch die herrliche Kinderliteratur, die ihnen die politisch Korrekten vermiesen? Wird die Welt dann besser – oder nur ärmer?

P.S.: In vier Tagen gibt’s wieder was zu lesen. Frohe Ostern!

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
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