Wo ist nur das Murmeltier hingekommen? Jenes Wesen, das am späten Morgen einmal kurz in die Sonne blinzelte, die Decke über den Kopf zog und die schönsten Stunden Schlafs zelebrierte. Und das nicht nur, weil die Nachteulen-Exzesse weggeschlafen werden mussten. Nein, mein junges Ich, gerade dem Terror der Schulglocke entronnen, genoss nichts mehr als diese vormittägliche Wachheits-Verweigerung.
Es folgten Wecker-Tyrannei, Berufspflichten, Babygeschrei vor Morgengrauen, erneut der Kasernenhofton der Schulglocke – und dann die Pension. Endlich: ein neues goldenes Zeitalter des Murmeltiers!
Doch ach – was ist nur geschehen?
Da könnte ich nun nach Herzenslust schlafen – und tappe lang vor Tagesanbruch in die Küche, um mir den Morgenkaffee zu kochen. Und dabei murmle ich nicht widerwillig vor mich hin, weil mich vielleicht Schlaflosigkeit aus dem Bett getrieben hätte. Nein, ich bin ganz glücklich und wach (auch nach wenigen Schlaf-Stunden), freu mich auf den ersten Espresso nicht wegen eines benötigten Koffein-Schubs, sondern einfach, weil er der erste Genuss des Tages ist.
Natürlich könnte man es auch senile Bettflucht nennen. Tatsächlich aber ist es reine, ungetrübte Morgen-Freude: Was wartet nicht alles auf mich! Das Morgenrot, ein Frühlings-Vogelgezwitscher, liebe „alte“ und überraschende neue Menschen, Abenteuer (wenn auch im Mini-Format), Gaumenfreuden, Lächeln und Lachen, ein gemütliches Lese-Stündchen, Musik… Herrlich! Ein neuer Tag!
Und dieses sprudelnde Hochgefühl ist nicht Resultat zwanghafter Selbstdisziplin (Da es der Gesundheit förderlich ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein, heißt es bei Voltaire).
Im Gegenteil, es ist einfach die Natur des Menschen – das sagt zumindest die Wissenschaft (und der wollen wir doch glauben). Die größte einschlägige Studie – durchgeführt vom University College London – hat nämlich festgestellt, dass uns die Welt am Morgen nachgerade entgegenlacht. Zwei Jahre lang wurden 50.000 Erwachsene befragt – über Glücksgefühl, Lebens-Zufriedenheit und das Bewusstsein, dass ihr Leben einen Sinn hat. Und siehe da, am höchsten waren die Werte jeweils am Morgen. Über den Tagesverlauf verliert sich das natürlich (auch Optimisten werden müde) – und bitte, schlafen Sie unbedingt vor Mitternacht ein, denn die Geisterstunde markiert den absoluten Glücks-Tiefpunkt des Tages (wie der Name schon sagt: Geister!).
Montage und Freitage sind übrigens die Wochenhöhepunkte für Optimismus und Glücksgefühle. Am Sonntag stehen Sie dagegen besser gar nicht auf, Sie riskieren, in ein schwarzes Loch zu fallen. Und falls es nur um Glück, aber nicht gleich um den Sinn des Lebens geht, dann ist der Dienstag der Tag!
Dass der Sommer unter den Jahreszeiten der Glücksgarant ist, hätte man mir nicht sagen müssen. Ich weiß nämlich ganz ohne wissenschaftliche Nachhilfe: Im nächsten Leben werde ich unbedingt ein Zugvogel.
P.S.: Und bis zu diesem geflügelten Dasein wird weiter geschrieben: In vier Tagen wieder!
