DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Die endlosen Freuden des Anfangs

25.12.2025

Alt sein ist eine herrliche Sache, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt. 

Ich wollte, dieser schöne Satz wäre von mir – ist er leider nicht, sondern von dem großen Weisen Martin Buber. Für mich enthält er die Lösung des großen Rätsels, wie man mit diesem Lebensabschnitt so umgehen kann, dass er Freude macht.

Die Anfänge: Haben sie nicht das ganze Leben freudvoll, aufregend und vielversprechend gemacht? Die Freude des beginnenden Erwachsenen-Lebens (endlich selbstbestimmt sein), das Glück einer neuen Liebe, einer neuen Beziehung, einer neuen Rolle als Eltern, als Großeltern, einer neuen beruflichen Aufgabe. Das ist Hoffnung, Aufbruch, Neugierde, Erwartung – Glück in der Gegenwart mit freudvollem Blick auf die Zukunft.

Das macht das Leben schön. Aufregend. Lebenswert.

Das dürfen wir uns auch selbst nicht nehmen.

Mir kommt es wie gestern vor: Ich saß im Kaffeehaus mit einem jener wunderbaren jungen Menschen, die mir in meinem Leben immer wieder zugewachsen sind. Und er erzählte voll glücklicher Aufregung, welch wunderbarer neuer Schritt ihm bevorstand – er würde als Korrespondent nach Brüssel geschickt! Was für eine Herausforderung, neue Eindrücke, neue Erfahrungen und neue, interessante Menschen. Ich habe mich ehrlich für ihn gefreut – aber kaum sind wir auseinander gegangen, sind mir die Tränen über die Wangen gelaufen. Nur ein Gedanke war da: Dieses Glück des Anfangs, des Neuen, dieses Versprechen einer Zukunft – das gibt es nie mehr für Dich. Denn Du bist alt.

Heute weiß ich, dass dieser Spaziergang am Rande der Depression unnötig war  (vielleicht sogar ein bisschen lächerlich, denn vor 13 Jahren lag das Alter noch hinter einigen Wegbiegungen). Zum Glück hat es nicht allzu lange gedauert, bis ich mich aus dem Sumpf des Selbstmitleids wieder herausgezogen hatte – und dann habe ich mir einfach selbst einen neuen Anfang gesucht. Ich wollte doch immer schon Italienisch lernen. Und da waren sie gleich – die neuen Menschen, die neuen Erfahrungen, die neuen Interessen. Eine farbenfrohe Gegenwart, die Freude auf mehr macht. 

Und es ist das passiert, was immer geschieht: Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu. Plötzlich gab es neue Anstöße, neue Kreise, neue Aufgaben – eine Vielzahl von Neu-Beginnen, von großen und kleinen Versprechen auf eine Zukunft.

Und plötzlich war auch alt sein schön.

Ich habe einen Freund in den U.S.A., der war erfolgreicher Besitzer einer großen Steuerberatungsfirma. Jetzt in Pension, mit über 70 erfüllt er sich seinen Traum: Er wollte immer Schauspieler werden und hat gerade seinen ersten großen Auftritt hinter sich. 

Natürlich, die Amerikaner haben Übung darin, sich selbst immer wieder neu zu erfinden – sie müssen das schon deshalb oft, weil das Berufsleben dort viel mehr Risiken und das System viel weniger Sicherheiten bietet. Und so haben sie eben auch in den späten Jahren keine Angst vor einem Neuanfang.

Es muss ja nicht gleich der Sprung auf die Bühne sein. Aber der Absprung aus der Routine, aus dem, was „grauer Alltag“ ist, etwas Neues an sich und für sich entdecken, die Lust auf Neues nicht verlieren – bis zum Schluss nicht verlernen, was anfangen heißt: Ja, so lässt es sich leben, auch und gerade, wenn man alt ist. 

P.S.: Neue Gedanken der Alten lesen Sie in drei Tagen!

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
briefkasten@diealte.at

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