Wenn die Tage kürzer und die Temperaturen unwirtlicher werden, dann beschäftigen wir Alten uns (noch) öfter mit Erinnerungen. Das kann mehr als gefährlich sein. Was sind sie denn eigentlich, diese Boten aus dem eigenen Untergrund?
Halten wir uns nur so gerne in imaginären Innenräumen auf, weil wir mit dem, was wir heute haben, hadern? Weil früher alles einfacher, aufregender, schöner gewesen ist? Naja, natürlich ist das Leben mit den vielen Jahren anders geworden – auch schwieriger, eingeschränkter, mühseliger. Aber ehrlich gesagt: Die Erinnerung an die herrlichste Rose, die mir einst geschenkt wurde, kann nicht mithalten mit dem Zauber des Gänseblümchens, das sich auch unter dem schon recht eisigen Wind noch in der Herbstwiese öffnet. Es ist klein, es ist unspektakulär, aber es ist da – hier und jetzt.
Sind die Erinnerungen womöglich ein selbst errichtetes Hindernis, das späte Leben zu genießen, das uns von der Welt und der Gegenwart abschottet? Oder sind sie ganz in Gegenteil ein Echo all des Wunderbaren, das uns einmal geschenkt wurde und das uns weiter die Seele wärmt, abrufbar, wenn wir es brauchen? Es gibt sie ja auch in allen Ausprägungen – sie können quälen, belasten, beruhigen, erfreuen, sie können unser innerstes Geheimnis sein oder etwas zum Teilen (besonders mit den staunenden Enkelkindern). Sie können uns den Schlaf rauben oder uns in schöne Träume gleiten lassen.
Irgendwo habe ich unlängst gelesen: Die Erinnerung malt mit dem goldenen Pinsel. Wie schön, dachte ich zuerst. Aber leider auch: wie wahr. Die goldene Schönfärberei merkt man nämlich dann, wenn man eine besonders gehätschelte Erinnerung an der Wirklichkeit misst. Bei manchen Dingen geht das. Mit taufrischen 17 las ich „das“ Buch meines Lebens, einen 900-Seiten-Wälzer, den ich zur unerreichbaren Messlatte alles Geschriebenen hochstilisierte. Bis, ja, bis ich mir eine besondere Freude machen wollte und nach Jahrzehnten wieder hineinlas: Das ist mein Nonplusultra? Ein guter Lektor hätte mindestens zwei Drittel gekürzt und dann wäre die Meisterschaft fraglich… Oh, wie unrecht habe ich wegen dieser Erinnerung den Dickens, Dostojewskis und Perutzs dieser Welt getan!
Oder der Schock, als ich der besten aller Töchter unbedingt den wunderbarsten Ort meiner Kindheit zeigen wollte! Aus dem idyllischen, altmodisch-beschaulichen Nest am Seeufer war eine marktschreierische Touristenfalle geworden. Oh, hätte ich’s doch bei der Erinnerung belassen…
Und da erwacht dann der nagende Zweifel: Sind meine Erinnerungen nur durchs Abliegen immer schöner geworden? Weil ich sie mir selbst immer schöner geredet habe? Schwinge ich womöglich selbst den goldenen Pinsel? Wird schon ein bisschen so sein – und das ist ja auch nicht schlecht. Zumindest, solange ich damit dem Heute nicht unrecht tue und das Morgen nicht vergesse.
P.S.: Am nächsten Freitag lesen wir uns wieder!
