Ist Alter eine Schande?
Fast könnte man es glauben, schaut man den Anstrengungen zu, mit denen manche beweisen wollen, dass sie gar nicht alt seien. Was ohnehin meist fehl schlägt. Was will man eigentlich beweisen? Dass Alter keine Rolle spielt? Dass man über die Last der Jahre triumphiert? Dass man gar nicht so alt wäre, wie man ist?
Als ob Alter ein Makel wäre.
Unfug. Aber natürlich: Es verändert. Und so traurig es ist: Das Alter macht Probleme, mit denen jeder für sich umgehen lernen muss. Aber man muss sich nicht dafür genieren – und auch dafür nicht, dass man Hilfsmittel braucht, um etwaige körperliche Defizite auszugleichen.
Manchmal betrachte ich es als gezielte Gemeinheit gegen uns Alte, wenn ich im Supermarkt Adleraugen bräuchte, um Inhaltsstoffe, Preis-Informationen etc. zu entziffern. Wo die Lesebrille nicht hilft, nehme ich halt jetzt die Lupe – die ich wie ein aufmüpfiges „Ätsch“ gegen junge Alten-Verspotter als App auf dem Handy mit mir trage. Da soll mir noch einer kommen mit dem „Hehe, die alte Oma“-Grinser! Abfälliger Spott? Wird gezielt überhört – auch wenn das Hörgerät nichts ungehört lässt. Ich habe als innere Aufmunitionierung eine Postkarte an der Kühlschranktür hängen, die mein neues Credo verkündet: „Wer mich Alte nennt, dem drohe ich mit meiner Krücke und werfe ihm auch noch mein Gebiss nach“.
Aber Spaß beiseite – es ist keine Schande, nächtens keine anstrengenden Autofahrten unternehmen zu wollen, weil das für Augen und Neven zu anstrengend ist. Es ist auch keine Schande, eine Gehhilfe zu verwenden, wenn Unsicherheit und Sturzgefahr zunehmen. Es ist keine Schande, mehr Zeit in Anspruch zu nehmen, weil man langsamer geworden ist – beim Gehen, aber auch beim Reagieren. Auch dass die Kräfte abnehmen, ist kein Makel – besonders in einer Welt, wo man ein Bodybuilder in Höchstform sein muss, um den Schraubverschluss einer Mineralwasserflasche zu öffnen.
Zugeben sollte man es können und sich helfen – oder auch helfen lassen. Klar, man war schon schöner, schneller, stärker – jetzt ist man das eben nicht mehr, dafür weiser (Scherz!), entschleunigter (das ist doch hochmodern!), lustiger. Und Humor ist der Regenschirm nicht des Weisen, wie Erich Kästner glaubte, sondern des Alten.
P.S.: Sie wissen schon: Freitag wieder!
