Da sind sie endlich wieder, die wunderbar wärmenden Sonnenstrahlen! Den ganzen, unsagbar langen Winter habe ich auf sie gewartet. Und jetzt sind sie da – und sie kamen nicht allein. Natürlich: die ersten Blumen, die Blüten auf den Obstzbäumen und…
Fast trau‘ ich mich’s nicht zu sagen, wer – oder was – da meine Aufmerksamkeit ebenso haltlos bannt: die E-Scooter nämlich.
Klar, auch ich ärgere mich manchmal über sie: Wenn sie, leergefahren, einfach irgendwo auf den Gehsteig geworfen zu einer gefährlichen Stolperfalle werden. Oder wenn sie fein säuberlich parallel zum Randstein aufgestellt den einzigen haustürnahen Parkplatz verstellen, der wegen der schweren Einkaufstasche so praktisch gewesen wäre. Ärger kommt auf, wenn sie mir in der engen Einbahn plötzlich entgegenkommen. Oder mich am Gehsteig ausweglos an die Hausmauer drängen.
Aber der Ärger gilt ja den rücksichtslosen Fahrern und nicht den Scootern, die in unserer Kindheit noch Roller oder auch Triton hießen.
Und los geht er wieder, der wild wogende innere Kampf, den ich schon aus dem Vorjahr kenne – soll ich oder soll ich nicht? Einmal in die Kindheit und zurück. Ich bin ja felsenfest davon überzeugt, dass alle diese jungen bis mittelalterlichen Herren, die sich scooterbewehrt in den Straßenverkehr werfen, etwas aus ihrer Kindheit nachholen müssen: Mit flatternden Haaren und wehender Krawatte die Freiheit auf zwei kleinen Rädern genießen. Jahrzehntelang waren Roller aus dem kollektiven Kinder-Wunschdenken verbannt. Kaum des aufrechten Ganges mächtig wurde man zum Pedalritter umfunktioniert. Aber vielleicht dürfen Kinder auch nur einfach nicht mehr ausgiebig genug Kind sein – und haben später etwas nachzuholen, im Straßenverkehr halt.
Nachholen muss ich nichts. Ich hatte ja so einen wackeligen hölzernen Tretroller – damals beneidete ich alle Freundinnen, die schon auf dem Roller mit den großen, aufgeblasenen Rädern standen, heute ist der Wiederentdeckte ein nostalgisches Objekt der Begierde.
Den ganzen letzten Sommer über hat er gelockt. Aber immer ist dem Kind in mir etwas im Weg gestanden. Waren’s nur billige Ausreden?
Auch heuer wieder: To scooter or not to scooter, that is the question. Jetzt oder nie, denn so jung (ja!) bin ich nächstes Jahr nicht mehr. Also: Leih-Konditionen, Preise (billig ist es nicht gerade) studieren. Rechts der Gas-Knopf (grün), links die Bremse (rot), hinten der Rücktritt. Alles klar. Nichts wie losgelegt.
Aber ach.
Sie regt sich, die ärgerliche Stimme der Vernunft. Die Fahrt beginnt mit dreimal Antauchen – womit, fragt sie. Mit der einbruchgefährdeten Hüfte oder dem stechenden Knie? Und wenn das Gleichgewicht auf dem Ritt über die Katzenbuckel verlorengeht? Wer sammelt Dich dann auf? Von wegen Kind sein! Kindisch sein, nennt man das. Und das bezahlt man in Deinem Alter mit der Verbannung an ein anderes Gerät mit Rädern, an den Rollator nämlich.
Recht hat sie, die blöde Vernunft, leider.
Spaßbremse. Altsein ist langweilig. Manchmal.
