DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Der Traum – ein Lebenselixier

18.03.2026

Jeder, der Kinder großgezogen hat, kennt es. Wenn sie das elterliche Liebes-Beharren durch hartnäckige Pubertätsanfälle auf ungeahnte Zerreißproben stellen, dann brennt eine Frage im Gehirn: Was nur hab‘ ich falsch gemacht?

Für solche Anfälle von Selbstzerfleischung hatte ich einen wunderbaren Freund, der sich mit der Seele von Kindern ebenso gut auskennt wie mit jener von Eltern. Und der schenkte mir damals einen wahren Zaubersatz: „Und wenn schon! Jetzt kannst Du es auch nicht mehr ändern. Denk nicht darüber nach, was war, sondern darüber, was ist.“

Ob ihm (damals selbst noch jung) bewusst war, dass er mir keinen Erziehungsratschlag gegeben hat, sondern eine Lebensweisheit, die besonders im Alter ungeheuer wichtig ist?

Wenn der Lebensrhythmus ruhiger wird, wenn die Nacht auf der Suche nach Schaf oft sehr lang erscheint, wenn Anregungen, Anforderungen und Aufgaben weniger werden, dann kommt man zu oft ins Grübeln. Unweigerlich denkt man über das eigene Leben nach.

Und viel zu oft spinnt man den Gedächtnisfaden in eine verhängnisvolle Richtung: Sicher wäre es besser gewesen, wenn ich nicht A gemacht hätte, sondern B… was wäre mir erspart geblieben, hätte ich mich für C entschieden und nicht für D… Das endet dann unweigerlich in Traurigkeit. Dabei ist es reine Theorie: Vielleicht wäre dann nämlich alles viel schlechter gewesen? Und, allen Ernstes: Ändern kann man’s ja ohnehin nicht mehr. Also wende ich in solchen Momenten die Pubertätsformel an: Ich wollte, ich wäre in vielen Fällen netter gewesen, dann…? Na, dann versuch ich’s eben jetzt mit dem Nettsein. Wie schön wäre mein Leben gewesen, hätten mir meine Eltern erlaubt, Philosophie zu studieren, statt sofort arbeiten zu müssen? Dann aber nichts wie her mit dem späten Studium!

In Sizilien hat ein 96jähriger gerade sein Philosophiestudium abgeschlossen, das ihm davor Armut, Krieg und familiäre Verpflichtung verwehrt hatten. Und er schenkte uns einen Schlüsselsatz für ein glückliches Alter: „Ich habe mir einen Traum erfüllt.“

Es passiert so leicht, so unbemerkt, dass man mit den Jahren keine Träume mehr hat – oder glaubt, keine Träume mehr haben zu dürfen. Dass man sich keine Ziele mehr setzt, keine neuen Ufer mehr sieht – sich vielleicht auch nur nicht mehr traut, sich nicht mehr zu-traut, sie anzusteuern. Dass man sich lieber im Retro-Denken verliert (was wäre gewesen, wenn…), statt sich lang gehegte oder neu entdeckte Wünsche zu erlauben. Es ist nicht immer die Maximal-Erfüllung eines Traums, die glücklich macht. Oft ist schon der Weg das Ziel. Seit Kindesbeinen wollte ich zu den Indianern? Zu teuer und ohnehin zu anstrengend? Auf ins Weltmuseum! Und dann auf Entdeckungsreise ins weltweite Netz!

Nein, Träume sind keine Schäume. Träume sind Freude. Sind Lebenslust. Sind Zukunft im Kopf.

P.S.: Natürlich: In vier Tagen gibt’s Neues von der Alten!

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
briefkasten@diealte.at

Vorletzte Gedanken (Archiv)

Die schreckliche Null

Warum wiegt für uns die Null so schwer? Zumindest dann, wenn es um die runden Geburtstage im Alter geht? Man kann sich noch so sehr gegen die Tyrannei der Zahlen auflehnen, ihr Gewicht zu ignorieren versuchen, nur als willkommenen Anlass fürs Anstoßen betrachten –...

Schweigen ist Gold

Was hätte ich mit 20 gerne gewusst, was ich jetzt weiß? Oder mit 35? Ja, sogar mit 50? Sagen Sie nicht, das seien müßige Fragen, weil man ohnehin nichts mehr ändern kann – auch falls sich dieses späte Wissen als hilfreich entpuppen könnte. Oder weil man in den jungen...

Altes Eisen?

Der große Psychiater Oliver Sacks hat seine Lebensjahre immer mit den Ordnungszahlen der Elemente im Periodensystem verknüpft. Demnach wäre ein Siebziger verbunden mit Ytterbium (Yb), einem nicht gerade aufregenden Metall, das aber (immerhin!) zu den seltenen Erden...

Die Alten und die Zukunft

Bitte. Werfen Sie mir ruhig Altersdiskriminierung vor. Aber ich meine es völlig ernst und ehrlich: Mit 71 sollte sich niemand berufen fühlen, an die (auch nur erweiterte) Spitze eines Landes zu treten. Die vielen alten weißen Männer mit 73 (Xi Jinping), 74 (Vladimir...

Der trügerische goldene Pinsel

Wenn die Tage kürzer und die Temperaturen unwirtlicher werden, dann beschäftigen wir Alten uns (noch) öfter mit Erinnerungen. Das kann mehr als gefährlich sein. Was sind sie denn eigentlich, diese Boten aus dem eigenen Untergrund? Halten wir uns nur so gerne in...