Jeder, der Kinder großgezogen hat, kennt es. Wenn sie das elterliche Liebes-Beharren durch hartnäckige Pubertätsanfälle auf ungeahnte Zerreißproben stellen, dann brennt eine Frage im Gehirn: Was nur hab‘ ich falsch gemacht?
Für solche Anfälle von Selbstzerfleischung hatte ich einen wunderbaren Freund, der sich mit der Seele von Kindern ebenso gut auskennt wie mit jener von Eltern. Und der schenkte mir damals einen wahren Zaubersatz: „Und wenn schon! Jetzt kannst Du es auch nicht mehr ändern. Denk nicht darüber nach, was war, sondern darüber, was ist.“
Ob ihm (damals selbst noch jung) bewusst war, dass er mir keinen Erziehungsratschlag gegeben hat, sondern eine Lebensweisheit, die besonders im Alter ungeheuer wichtig ist?
Wenn der Lebensrhythmus ruhiger wird, wenn die Nacht auf der Suche nach Schaf oft sehr lang erscheint, wenn Anregungen, Anforderungen und Aufgaben weniger werden, dann kommt man zu oft ins Grübeln. Unweigerlich denkt man über das eigene Leben nach.
Und viel zu oft spinnt man den Gedächtnisfaden in eine verhängnisvolle Richtung: Sicher wäre es besser gewesen, wenn ich nicht A gemacht hätte, sondern B… was wäre mir erspart geblieben, hätte ich mich für C entschieden und nicht für D… Das endet dann unweigerlich in Traurigkeit. Dabei ist es reine Theorie: Vielleicht wäre dann nämlich alles viel schlechter gewesen? Und, allen Ernstes: Ändern kann man’s ja ohnehin nicht mehr. Also wende ich in solchen Momenten die Pubertätsformel an: Ich wollte, ich wäre in vielen Fällen netter gewesen, dann…? Na, dann versuch ich’s eben jetzt mit dem Nettsein. Wie schön wäre mein Leben gewesen, hätten mir meine Eltern erlaubt, Philosophie zu studieren, statt sofort arbeiten zu müssen? Dann aber nichts wie her mit dem späten Studium!
In Sizilien hat ein 96jähriger gerade sein Philosophiestudium abgeschlossen, das ihm davor Armut, Krieg und familiäre Verpflichtung verwehrt hatten. Und er schenkte uns einen Schlüsselsatz für ein glückliches Alter: „Ich habe mir einen Traum erfüllt.“
Es passiert so leicht, so unbemerkt, dass man mit den Jahren keine Träume mehr hat – oder glaubt, keine Träume mehr haben zu dürfen. Dass man sich keine Ziele mehr setzt, keine neuen Ufer mehr sieht – sich vielleicht auch nur nicht mehr traut, sich nicht mehr zu-traut, sie anzusteuern. Dass man sich lieber im Retro-Denken verliert (was wäre gewesen, wenn…), statt sich lang gehegte oder neu entdeckte Wünsche zu erlauben. Es ist nicht immer die Maximal-Erfüllung eines Traums, die glücklich macht. Oft ist schon der Weg das Ziel. Seit Kindesbeinen wollte ich zu den Indianern? Zu teuer und ohnehin zu anstrengend? Auf ins Weltmuseum! Und dann auf Entdeckungsreise ins weltweite Netz!
Nein, Träume sind keine Schäume. Träume sind Freude. Sind Lebenslust. Sind Zukunft im Kopf.
P.S.: Natürlich: In vier Tagen gibt’s Neues von der Alten!
