DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Ich bin eine Tulpenzwiebel

14.03.2026

In knapp einem Monat ist es wieder so weit – am 9.April werde ich wieder ein ganz neuer Mensch sein. Wenn sich nämlich (laut Wissenschaft) Tag für Tag ein paar Milliarden Zellen erneuern, dann braucht es gerade einmal 100 Tage und man ist eine komplett neue Person.

Komisch, dass man davon so wenig bemerkt. Vielmehr kommt besonders morgens beim Aufstehen immer wieder die böse Vermutung auf, dass auch die körperlichen Reparaturbetriebe unter gröberen Lieferketten-Problemen beim Nachschub leiden. Da muss es enorme Engpässe geben. Sei’s drum, bin ich halt erst im Mai wieder neu. 

Zwei-, dreimal im Jahr eine gänzlich neue Person sein – und trotzdem immer dieselbe Alte und immer Ältere? Es ist eigentlich ein Wunder und erinnert mich an das kindliche (angesichts der Tatsache, dass ich aus dem vorigen Jahrtausend stamme, eher: dümmliche) Staunen, das mich in jedem Frühling überkommt. Allfrühjährlich weiß die Tulpenzwiebel, wie sie das gleiche Farbenfeuerwerk zündet wie beim letzten Mal. Auch der knorrigste Baumstamm irrt sich nie und schenkt uns genau das zarteste Grün und die weißer als weiße Blüte, nach der wir uns in der kargen Winterzeit gesehnt haben. Neu und doch alt. Ein Wunder eben – zumindest für Menschen wie mich, die lieber ein Wunder sehen als eine wissenschaftlich ganz einfach zu erklärende Tatsache. Das ist mir zu banal – auch wenn ich’s weiß, will ich’s nicht wissen. Als alter Mensch muss man sich Freiheiten nehmen dürfen.

Da stell ich mir lieber vor, wie aus der unansehnlichen Zwiebel mit der Frühlingssonne die Erinnerung herausströmt – wie bei uns. Auch unsere verkahlten Körper-Stämme sind vollgestopft mit Erinnerungen, die immer wieder herausbrechen, ob sie die freundlichen Tischgenossen hören wollen oder nicht. Solange sich die Reminiszenzen nicht dreimal pro Stunde wiederholen, wird man’s uns verzeihen – wir sind ja alt, Zellerneuerungs-Jungbrunnen hin oder her.

Aber man muss wahrscheinlich auch für sich selbst mit den eigenen Erinnerungen haushalten lernen. Die guten gehören gehegt und gepflegt, den schlechten sollte man Zügel anlegen, sie vielleicht sogar wegsperren, verräumen, damit sie uns nicht nächtens überfallen und quälen können. Auch Erinnerungs-Ordnung muss sein.

Einmal für solche Ordnung gesorgt, gibt’s überraschend viel Platz für neue Erinnerungen – bei uns fortgeschrittenen Semestern können wir sie uns aus Kleinigkeiten zaubern, die wir früher gar nicht wahrgenommen haben. Der erste Gesang der Amsel. Das Lichtgekräusel auf dem Teich. Das unbändig junge Gelächter mit der genauso alten Freundin. Der einzigartig süße Duft der Kekse, die mit dem Enkel gebacken wurden.

Denken Sie an etwas Schönes, sagte die Anästhesistin. Ich tauchte in die Erinnerung an die Morgenröte des Vortags – und wachte mit einem glücklichen Lächeln aus der Narkose auf.

P.S.: Auf Wiederlesen in vier Tagen!

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
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