Es reicht. Seit Jahren lese ich begierig jede Zeile, die mir verspricht, sie hätte die letzte Weisheit, was ich zu tun hätte, um in Schönheit, Gesundheit, Zufriedenheit alt und immer älter zu werden. Heerscharen von Experten liefern angeblich nützliche, selten praktikable und fast immer heillos verspätete Tipps und Tricks, wie man schicksalshafte Altersgespenster von sich fernhalten könnte. Nützlich sind diese „Anleitungen“ selten: Man hätte in den Windeln beginnen müssen, die Abwehr gegen alle Geiseln des Alters aufzubauen.
Nicht nur das: Die vielgepriesenen Experten widersprechen einander auch noch ständig. Einmal ist grüner Tee das ultimative Gesundheitskraut gegen Herzinfarkt und Schlaganfall, dann wieder kann er Herzrhythmusstörungen auslösen. Alkoholkonsum kann eine Ursache von Demenz sein, aber auch gar keinen Alkohol zu trinken, kann den Weg ins große Vergessen pflastern.
Wie gesagt: Es reicht. Ich lese keine Ratschläge mehr.
Die paar Dinge, die in den späten Jahren wichtig sind, weiß ohnehin jeder. Weniger und gesünder essen, sich regelmäßig bewegen, sich nicht von anderen Menschen abschließen. Schon das mag Kraft und Überwindung kosten – aber das Resultat lässt Freude aufkommen, und das ist ein besserer Antrieb als jeder Expertenrat.
Und außerdem raten uns diese angeblich Weisen eines nicht: Was man besser nicht tut. Ich habe da meine eigene kleine Liste.
- Bereue keine Jugendsünden. Es lässt sich in diesem Leben nicht mehr ändern – und war hoffentlich lustig.
- Versuche nicht, die Männer zu verstehen. Sie sind nicht vom Mars, eher aus einem Paralleluniversum.
- Probiere erst gar nicht, medizinische Fragebögen auszutricksen. Ärzte wissen, was „Alkohol nur in Gesellschaft“ heißt.
- Schlafe nie am Wohnzimmersofa ein, nur weil es näher ist als das Bett im Schlafzimmer.
- Sprich auf der Straße nie laut mit Dir selbst – zumindest, ohne zur Tarnung das Handy ans Ohr zu halten.
- Suche nicht beim kleinsten Wehwehchen Rat bei Dr. Google, sonst glaubst Du, dass Dir gerade noch fünf Minuten Lebenszeit bleiben.
- Gib Deinen Kindern keinen guten Rat. Sie sind jung, aber erwachsen.
- Lass Dich nicht wie ein Kind behandeln. Du bist alt, aber erwachsen.
- Probier‘ erst gar nicht, den „Mann ohne Eigenschaften“ fertig zu lesen. Er war Dir schon immer zu langweilig. Wozu also jetzt?
- Steig nie allein auf eine Leiter, um eine Glühbirne auszutauschen. Kerzen sind romantischer als ein Liegegips.
- Erwähne nie, dass früher alles besser war. Geheimwissen wurde schon immer bestraft – denke an Galileo Galilei.
- Höre nie auf, Dich um alte Freunde zu bemühen, obwohl sie eigen geworden sind. Gut möglich, dass Du selbst eigen geworden bist.
- Rede Dir nicht ein, für etwas zu alt zu sein. Außer, es macht keinen Spaß.
Meine nächsten 150 Punkte können Sie sich sicher vorstellen.
P.S. Nächstes Mal verspätet sich die Alte sicher nicht – versprochen! Es war der plötzliche Frühling. Also: Auf Wiederlesen in vier Tagen!
