DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Mein täglicher Dhaulagiri

3.03.2026

Wir leben in einer zahlenverliebten Welt. Alles, was mit Zahlen geschmückt ist, halten wir – oft vorschnell – für wahr. Es klingt so herrlich wissenschaftlich – auch wenn Zahlen nicht immer für Wahrheit bürgen. Die Erderwärmung lässt den Meeresspiegel um 96 cm steigen! Exakt? Es gibt 5 bis 80 Millionen Tierarten – aber wir kennen nur eine davon?

Es hieß auch immer, dass es 44 Menschen gelungen wäre, alle 14 unvorstellbar hohen 8000er Gipfel zu bezwingen. Aber da stellt sich doch glatt heraus, dass das kein einziger dieser Helden geschafft hat. Die Wissenschafter, die das mithilfe von GPS-Daten, Photos und Sherpa-Berichten herausgefunden haben, unterstellen nicht, dass die Gipfelstürmer Angeber gewesen wären. Nein, es ist vielmehr gar nicht so eindeutig zu erkennen, was denn nun wirklich ein Gipfel ist. Selten ist er dort, wo schon andere ihr Gipfel-Photo machten, oft auch nicht dort, wo jemand triumphierend seine Flagge aufgestellt hat. Auch eine falsche Perspektive oder widrige Wetter- und schwierige Sichtverhältnisse können einem einen bösen Streich spielen.

Als alter Mensch weiß man natürlich, wie relativ das alles ist – das „Bezwingen“, der „8000er“ und der „Gipfel“ überhaupt. Es kann ja auch am „Dach der Welt“ nicht viel anders sein als im Leben hier unten. 

Wie oft ist man – um ein positives Beispiel zu nehmen – als junger Mensch absolut sicher, am Gipfel des Glücks angekommen zu sein? Dabei war es, wie sich etwas später herausstellt, nur jener malerische Punkt, wo auch alle Altersgenossen ihr Selfie über den Wolken machten. Das Leben jagt einen dann später manchmal über die letzten schwierigen Höhenmeter zum Gipfel, es wird einem nichts geschenkt – das macht das Glück nicht kleiner, das man empfindet, im Gegenteil. 

Es macht nur die Höhenmessung relativer.

Es gibt nur 14 solche 8000er? Was ist schon der Dhaulagiri gegen 15 Stufen, bezwungen unter der geballten Last der Jahre? Da hätte man manchmal gerne die bergsteigerische Dankes-Flagge dabei, um sie oben am Treppenabsatz aufzupflanzen. 

Oja, wir Alten leben in einer Welt voller Himalaya-Ableger. Und wir wissen, dass der Abstieg meist noch viel schwieriger ist als der Gipfelsturm – und zwar im übertragenen, wie im wörtlichen Sinn; wieviel Kraft es braucht, sich aufrecht abwärts zu bewegen und erhobenen Hauptes und guten Mutes unten anzukommen. Die schlechte Sicht lässt einen manchmal befürchten, man wäre in einer Gletscherspalte gelandet – erst wenn sich die Nebel lichten, erkennt man, dass es ja doch ein wunderbares grünes Tal ist. Und dass man nie zu früh aufgeben darf.

Einer der 44 um den Extrem-Gipfelsieg Geprellten hielt den wissenschaftlichen Zentimeter-Fuchsern entgegen: „Na und, der Sport heißt ja auch Bergsteigen und nicht Gipfeln.“

Wie wahr. Es heißt ja auch nicht Ausnahme-Momente sammeln, sondern leben.

P.S.: Nur vier Tage und die Alte ist wieder da….

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
briefkasten@diealte.at

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