DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Die Kunst des Selbstgesprächs

10.02.2026

Darf ein Alter Selbstgespräche führen? Bitte sagen Sie nicht vorschnell: nein. Ich würde für eine Gegenfrage plädieren. So in der Art: Kommt drauf an – mit welchem Selbst spricht er denn?

Ich unterhalte mich gern – und auch sehr angeregt – mit meinem jüngeren Selbst. Ich mache das natürlich nicht laut, schon aus Rücksicht auf die Besitzer neugieriger Ohren, die ja sonst zu der fatalen Meinung kommen könnten: Die Alte spinnt, Zeit, sie einem Fachmann vorzustellen. Also treffe ich diesen interessanten Gesprächspartner aus lauter Feingefühl gegenüber meinen Mitmenschen nur innerlich.

Unlängst musste ich ihm Vorwürfe machen. Warum nur hast Du in den Vierzigern nicht besser auf unseren Körper aufgepasst? Die Experten liegen mir in den Ohren, dass durch die richtige Ernährung, die richtige Bewegung, die richtige Disziplin in diesem Lebensalter der alte Körper viel angenehmer, schmerzfreier und einsatzfähiger wäre. Die Reaktion war ein wenig schroff: Jetzt sagst Du mir das? Im Nachhinein wieder einmal klüger, ja? Damals dachtest Du, dass das Leben zum Genießen da ist, zumindest der Teil, den berufliche und familiäre Pflichten übriglassen. Da hätte ich mich auch noch abrackern und kasteien sollen? Zu spät, ätsch. Aber vergiss nicht: Auch wenn’s jetzt die doppelte oder dreifache Anstrengung kostet, Du kannst noch viel ausbügeln, was ich falsch gemacht habe. Mit Deiner Zustimmung übrigens…

Manchmal ist es dann wieder umgekehrt. Da meldet sich doch glatt das jüngere Selbst und beschwert sich – und ist damit auch noch so im Recht, dass es mir die Schamesröte ins Gesicht treibt. He Du, meinte es unlängst, hast Du denn völlig vergessen, wie das war, als Du ich warst? Also, das war anders abgemacht. Was regst Du Dich eigentlich über die Rücksichtslosigkeit der jungen Menschen auf, die zu zweit auf dem E-Scooter an Dir vorbeiflitzen? Erinnerst Du Dich nicht mehr an uns? Damals ging’s uns auch so: Wenn man Spaß hat, wenn einem das Herz vor unbeschwerter Lebenslust hüpft, dann denkt man halt nicht an alle Folgen rundherum. Aber wenn nichts passiert, dann musst Du Altgewordene Dich nicht künstlich aufregen. Freu Dich über die Freude der Jungen – sie sollte glückliche Erinnerungen wecken und nicht Griesgrämigkeit (oder womöglich ein bisschen Neid?). Ich hab‘ mir’s übrigens zu Herzen genommen, was es mir vorgehalten hat – und muss sagen: Recht hat es, es lebt sich glücklicher, wenn man sich mitfreut auch bei etwas, was für einen selber unwiederbringlich vorbei ist.

Ich lasse es mir nicht nehmen, diese Gespräche mit meinem jüngeren Selbst zahlen sich aus. Meistens jedenfalls. Denn manchmal will es Streit suchen. Das fängt dann immer so an: Warum hast Du mit 25 diese und nicht jene Entscheidung getroffen… Da unterbreche ich es – und zwar streng: Still. Es ist, wie es ist. Und das ist gut so.

P.S.: Das nächste Selbstgespräch der Alten für Ihre Ohren kommt in vier Tagen!

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
briefkasten@diealte.at

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