DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Winzige Riesen

19.12.2025

Altwerden steckt voller Überraschungen. Unlängst wurde ich erstmals seit Schulzeiten wieder höhenvermessen. Das Resultat war schauderhaft: Ich bin geschrumpft! Drei Zentimeter habe ich eingebüßt! Es folgte ein Wirbelsturm der Gefühle. Erst Zweifel (Kann der Arzt lesen?), dann nacktes Entsetzen (Wenn das so weitergeht, wo wird das enden?). Dann ein Anfall von Depression (Ich wachse Richtung Boden…), gefolgt von Mitleid mit meinen Bandscheiben (Ihr armen Flachgedrückten!). Doch schließlich siegte einmal mehr die Frohnatur: Ha, small is beautiful!

Vieles wird kleiner mit den Jahren: die Kräfte, der Aktionsradius, sogar so etwas Triviales wie der Appetit. Aber damit lässt sich’s umgehen: Die Schwäche gleiche ich mit der Bitte um Hilfe aus. Zu klein für die Welt geworden – dann hole ich sie mir ins Haus, das Internet macht’s möglich. Schmerzhaft ist das Kleinerwerden des Freundeskreises, der Zahl der lieben Menschen. Und es braucht viel Kraft, den Verbliebenen nicht mit kleiner werdender Zuwendung zu begegnen.

Auch die Gefühle werden kleiner. Vorbei die Zeit des „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, vorbei der turbulente Aufruhr der Innenwelt. Früher war’s ein Feuerwerk, jetzt ist‘s nur mehr ein Kerzerl – aber das spendet warmes Licht.

Wer braucht schon ozeanische Gefühle, wenn er Mikro-Freuden kennt!

Nur damit mir nicht nachgesagt wird, dass ich eine notorisch-zwanghafte Schönbeterin bin: Das sagt die Wissenschaft. Neuropsychologen und Psychiater in Frankreich (vielleicht auch allüberall sonst in der Welt) raten dazu, das Empfinden von Mikro-Freuden zu üben. Denn dabei handelt es sich um Kleinigkeiten, die man sich selten bewusst macht: Beim Spaziergang kurz stehenbleiben, die Augen schließen und die Sonne bewusst auf der Haut spüren. Oder seine ganze Aufmerksamkeit der Eleganz eines lautlos zu Boden segelnden Blatts zuwenden. Das sind Mikro-Freuden, positive Emotionen von kurzer Dauer, von denen wir täglich mindestens ein Dutzend erleben können – wenn wir sie denn auf uns wirken lassen. Sie glauben, das sei einfach? Weit gefehlt. Unser Gehirn ist ganz anders programmiert, es hat eine Negativitätsverzerrung, verarbeitet Negatives vorrangig, weil das in grauen Vorzeiten überlebenswichtig war. Jetzt aber können wir getrost unsere grauen Zellen auf den Positiv-Trip schicken und die Mikro-Freuden auskosten lernen (außer wir befinden uns gerade im Revier von Wolfsrudeln, dann bitte nicht die Augen schließen!).

Übung macht den Meister – auch beim Erkennen der Winzig-Freuden. Als Lohn winken stärkere Verankerung in der Gegenwart, Verfliegen ängstlicher Gedanken, aber auch Messbares: Mikro-Freuden fördern Ausdauer und Konzentration, senken Stressmarker (Blutdruck, Herzfrequenz), verbessern die Lebenserwartung und die psychische Gesundheit. Da kommt doch Riesen-Freude auf!

P.S.: Neue Gedanken der Alten lesen Sie in drei Tagen!

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