Warum geht uns Alten ausgerechnet das aus, was wir ohnehin unser ganzes Leben nicht hatten? Der wahrscheinlich meistgeäußerte Satz des modernen Menschen ist wohl: „Ich habe keine Zeit“. Und jetzt, auf die alten Täg‘, geht uns diese nie gehabte Zeit auch noch aus. Paradox.
Dabei muss man objektiv zugeben, dass unsere langlebige Generation gar nicht so wenig davon zur Verfügung hat. Wenn es gut kommt, runde 80 Jahre. Oder 4160 Wochen. Zuwenig? Dann 29.300 Tage. Noch immer nicht genug? Aber bitte sehr: 700.800 Stunden. Und falls Sie über die Stränge schlagen wollen: 42.048.000 Minuten.
Der Alte als Millionär.
Das Vertrackte dabei ist freilich, dass die Vergangenheit immer länger und die Zukunft immer kürzer wird. Da ist das Beste wohl, wenn man sein Stunden-Konto nicht allzu oft auf Soll und Haben prüft. Der Konto-Stand lautet mittlerweile „Gehabt haben“. Das beunruhigende Gefühl wächst, dass man in Zeitnot geraten ist. Und wenn mich der Gedanke ängstigt, dass von den theoretisch durchschnittlichen 4000 Wochen nur mehr eine ebenso theoretische dreistellig-kümmerliche Zahl übrig ist (vielleicht 450), dann mehre ich das Guthaben eben durch Umrechnung. 3600 Tage klingt einfach besser.
Und vor allem ist eines nicht zu vergessen: Es ist unsere Rapid-Viertelstunde!
Egal, ob ManU-, Azzuri- oder (schluchz) Austria-Fan, egal, ob das runde Leder überhaupt ein Plätzchen im inneren Universum hat – jetzt ist die spielerisch erfolgreichste Phase im Match mit der Zeit eingeläutet!
Kein voller Terminkalender mehr, der zu viel Zeit vom Leben abzweigt. Keine Zwänge, die uns mit dem fest gezurrten Zeitkorsett die Luft zum Atmen abschnüren. Keine Zukunfts-Sorgen, die zentnerschwere Schatten auf die Nachtruhe werfen. Auch keine Pflichten-Listen mehr, die uns weder durchzuschnaufen, noch nachzudenken erlauben.
Natürlich, jetzt in der Abenddämmerung könnten wir unsere Jugend viel mehr genießen, damals waren wir einfach zu jung dafür. Aber die Schule der Lebens-Widrigkeiten hat mich zumindest eins gelehrt (nein, nicht: Im Nachhinein ist man immer klüger…): Es zählt der Moment. Ihn muss man genießen – aber so, wie er ist. Okay, jetzt bin ich alt – nicht nur: na und? Sondern: Aber bitte, gern. Jung – das kenn ich schon. Heute habe ich die neue Freiheit: Die Zeit gehört wieder mir, sogar wenn ich sie verschwende, will ich sie genießen. Pläne habe ich noch genug, und dass ich sie besser nicht mehr auf die lange Bank schiebe, ist zwar eine triviale Einsicht, hilft aber Prioritäten zu setzen: Jetzt darf es einfach das „Mir-Wichtige“ sein.
Coco Chanel hat einmal gesagt: Es ist gibt eine Zeit für die Arbeit. Und es gibt eine Zeit für die Liebe. Mehr Zeit hat man nicht.
Die Arbeit ist getan.
Und es bleiben noch 450 Wochen/360 Tage/4320 Stunden für die Liebe. Alt muss man sein!
P.S.: Und wieder – in vier Tagen Neues von der Alten!
