Ich weiß schon, Du bist ein Kind und ich ein alter Mensch. Vielleicht erklärst Du Dich nicht zuständig für meine Generation – sollen wir uns lieber an den Liebling der Werbewirtschaft, den Weihnachtsmigranten Santa Claus, wenden, der Gerüchten zufolge 1400 Jahre alt ist (also zu uns gehört)?
Wie auch immer. Ich schreibe jetzt Dir, vielleicht aber auch nur mir selbst. Selbstgespräche, auch schriftliche, sollen ja heilsam sein.
Weihnachten, heißt es, ist die freudvollste Zeit in den christlichen Kirchen und die hektischste in den Konsumtempeln. Über keinen Anlass wird mehr gejubelt (von den Kindern) und mehr gejammert (von den überlasteten Hausfrauen).
Die sprichwörtlich stillste Zeit im Jahr ist Weihnachten aber fast nur mehr für viele von uns Alten. Seit den Kindertagen ist dieses Fest gefühlsbeladen. Den Moment, wenn sich die Tür zum Christbaum öffnet, kann ich auch heute noch in mir lebendig machen. Das Strahlen der Augen der kleinen Tochter im Schein der Kerzen, wärmt immer noch das Herz. Und die überschäumende Freude des Enkels über das Weihnachtswunder ist Großmutters Erinnerungs-Highlight.
Vielleicht muss es ja auch so sein: Wenn Weihnachten so viel (zu viel?) Anlass für Gefühl ist, muss es wohl auch Trauriges verstärken. Schmerzlicher als an anderen Tagen empfinde ich da das Fehlen geliebter Menschen, die nicht mehr sind. Die Vanillekipferln, die ich im letzten Advent noch mit der Lebens-Freundin gebacken habe, schmecken mir heuer bitter. Beim Packerlmachen wird mir plötzlich schmerzlich klar, dass es wieder um zwei, drei wichtige Menschen weniger zu beschenken gibt. Die Kerze, die ich am Heiligen Abend vor dem letzten Photo des Lieblings-Neffen entzünde, wärmt nicht wie die Kerzen am Baum.
Es wird viel über Einsamkeit geschrieben in der Vorweihnachtszeit. In weltweiten Studien hat man herausgefunden, dass junge Männer sich viel einsamer fühlen als ältere Menschen. Auch die Generation unter 30 soll demnach noch viel stärker unter sozialer Isolation leiden als die Alten.
Nur leider haben die Einsamkeits-Leiden im Alter ganz andere Implikationen. In die soziale Isolation werden viele Alte hineingezwungen – meist durch körperliche Erschwernisse, aber auch durch fehlende Kontaktmöglichkeiten, die Junge in Schulen, in der Arbeit oder in Freizeit-Aktivitäten haben.
Und Einsamkeit beinhaltet im Alter ein Zuviel an Abwesenheit: Es gibt immer mehr nahe Menschen, die man verloren hat. Mit ihnen ist man allein. Fühlt sich auch unter anderen einsam. Auch und besonders zu Weihnachten.
Aber es bleibt ein Trotzdem: Die Dankbarkeit für Gemeinsamkeit und Nähe, auch wenn sie vergangen sind. Die lächelnde Erinnerung an geteilte Freuden. Der tröstliche Nachhall geteilter schwerer Stunden.
Und dann weiß man es wieder: Jeder Tag Leben ist ein Geschenk. Ein Weihnachts-Geschenk.
