Manchmal stelle ich mir das Gesicht meiner Omi vor, würde ein Vorwärts-in-die Zukunft-Professor sie plötzlich ins Hier und Heute, auf eine ganz gewöhnliche Straße des Jahres 2024 beamen. Was sind schon 60 Jahre (die seit ihrem Tod vergangen sind) für einen Schreiber von Zukunftsromanen?
Ein Gedankensprüngerl.
Wie entsetzt würde Omi schauen, wollte sie die Straße überqueren, wo der Verkehrsfluss nicht abreißen will, wo erbostes Klingeln aus unerwarteter Richtung sie gleich wieder auf den Gehsteig zurückspringen lässt. Zum Glück, denn sonst hätte sie auch noch ein gespenstisch leiser E-Scooter umgefahren.
Und dann die Menschen: Meine Omi wollte sich meinerzeit nicht an unsere Miniröcke gewöhnen, jetzt würde sie befriedigt feststellen, dass sich immer mehr junge Frauen wieder züchtig verhüllen – obwohl sie sich wundern würde, warum die neumodische Tracht gleich wieder in mittelalterlicher Manier die hübschen Köpfe versteckt.
Sie käme aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus: Da hasten sie dahin, die Menschen, die ihre Urenkel sein könnten, und führen allesamt Selbstgespräche, bei denen sie kleine Kästchen ans Ohr drücken. Diese Kästchen scheinen ihr überhaupt magisch: Ziehen sie doch ständig die volle Aufmerksamkeit ihres Besitzers an sich, der darüber Zeit, Raum und Mitmenschen vergisst.
Und was würde Omi sagen, würde sie einen Meldezettel ausfüllen wollen und sich entscheiden müssen, ob sie nun „männlich“, „weiblich“, „divers“, „inter“ oder „offen“ als Geschlecht ankreuzen soll – wobei ihr noch die Option bleibt, dass das alles „nicht zutreffend“ ist?
Wie würde sie sich wundern, dass die einstmals kunterbunte Welt der Information nur mehr aus Ärztinnen, Forscherinnen, Patientinnen besteht – männerlos. Und wie sollte ich ihr beibringen, dass sie den geliebten „Mohr im Hemd“ nicht mehr bestellen kann, ihr erklären, dass ihr Ururenkel nicht mehr Indianer spielen darf, beides, um niemanden zu beleidigen, der das ohnehin nie sehen wird – meine liebe Omi würde den Kopf schütteln und sagen: „Na, übertreibt Ihr nicht ein bisschen?“ Dabei habe ich ihr noch gar nichts von Cancel Culture erzählt, von US-Kursen, wo man sich seiner weißen Haut zu schämen lernt, und von ethnischer Mathematik – oder würden Sie Ihrer Omi erklären wollen, dass 2 x 2 = 4 ein Kulturkonstrukt des weißen Kolonialismus ist?
Aber meine gescheite Omi würde sicher sagen: „Kinderl (ja, Kinderl, trotz meiner stolzen 75, denn sie ist ja meine Omi), reg‘ Dich nicht auf, das geht alles vorüber. Glaub an den Fortschritt – auch wenn er manchmal entschieden zu weit geht, findet er letztendlich zurück in die Normalität. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.“ Und sie würde verschwörerisch lächeln: „Weißt Du, manchmal ist es sehr gut, alt zu sein – man wird gelassener mit den Jahren. Aber das weißt Du ja schon selbst.“
P.S.: Bis bald! Sowas in vier, fünf Tagen…
