Darf sich ein alter Mensch beklagen, dass die Zeit vergeht, oder ist das nur leicht senile Wehleidigkeit gegenüber dem Unabwendbaren? Klingt einfach und doch ist es verzwickt, eine Antwort auf diese scheinbar so schlichte Frage zu finden.
Seit Jahren hat mir die Wissenschaft einreden wollen, dass wir auf dem besten Weg Richtung – naja, sagen wir halt: beinahe – Unsterblichkeit sind. Der erste Mensch, der 1000 wird, sei schon geboren, tönt es aus dem Mund mancher Biogenetiker, in den sie täglich irgendwelche Pillen stopfen, die ihnen mindestens 150 Kerzen auf der (letzten) Geburtstagstorte sichern sollen. Sollten solche Optimismus-Übungen einem anderen Zweck gedient haben, als enorme Aktiensprünge von Pharma-Unternehmen zu verursachen, ist’s jetzt damit vorbei.
Die neueste wissenschaftliche Arbeit kommt nämlich zu dem Schluss, dass wir zum Altern verurteilt sind. Und dass wir nicht deshalb eine längere Lebenserwartung haben als unsere Vorgänger-Generationen, weil der Mensch sich auf dem Weg zur Unsterblichkeit befindet, sondern nur deshalb, weil der Fortschritt es ermöglicht hat, unsere späten Jahre überhaupt zu erreichen. Wer Geburt, Masern, Blinddarm und ähnliche Gefahrenmomente mit der segensreichen Hilfe der Medizin erfolgreich bewältigt hat, ausreichend Nahrung vorgefunden und zivilisatorischen Schutz vor aller möglichen Unbill genossen hat, erreicht eben ein höheres Alter. Beliebig ausdehnbar ist die gewonnene Zeitspanne allerdings nicht, besagt die neueste wissenschaftliche Erkenntnis. Und wir sagen: Ah geh, da sind wir jetzt aber überrascht.
Ich hatte ja schon länger den Verdacht, dass hinter diesen Unsterblichkeitsphantasien handfeste Marketing-Strategien stecken. Eigentlich hätte uns schon der Name stutzig machen sollen: „Anti“-Ageing. Als ob gegen das Vergehen der Zeit ein Kraut gewachsen wäre.
Noch schlimmer. Diese neueste Erkenntnis, die uns Alte nur ein Lächeln kostet, entlarvt eine riesige, weltweite Fehlinvestition: Mit der finanziellen Unterstützung von Regierungen, Wirtschaft, der akademischen Welt und privater Investoren wurde eine 110 Milliarden Dollar schwere Industrie aufgebaut, die mithilfe der Genforschung und der künstlichen Intelligenz den Stein der Weisen finden sollte, wie man Alter verhüten, ja sogar den Alterungsprozess rückgängig machen könnte. Noch sind die Weichen so gestellt, dass sich diese Investitionen bis jetzt auf 610 Milliarden Dollar erhöhen werden.
Man mag mir infantile Altersnaivität vorwerfen, wenn ich mich über eine so massive Geldverschwendung nur wundern, sie aber nicht be-wundern kann. Was könnte man mit diesen Riesensummen nicht alles bewirken, so dass immer mehr Menschen mit immer mehr Lebensqualität älter werden dürfen. Nur eines kann man auch mit noch so vielen Milliarden sicher nicht: die Zeit rückwärts laufen lassen.
P.S.: Die verurteilte Alte meldet sich wieder – in vier Tagen!
