Dürfen alte Menschen in der Öffentlichkeit lachen? Womöglich auch noch lauthals? Ich hätte nie gedacht, dass ich mich das einmal fragen würde. Aber die Realität einer passionierten Fußgängerin in einer Stadt, die sich ihrer Gemütlichkeit genauso wie ihrer Grantigkeit rühmt, zwingt mich, mir solche eigentlich skandalösen Fragen zu stellen.
Die Stimme des Gewissens (und des Orthopäden) raunt unaufhörlich, dass in Bewegung zu bleiben der kategorische Imperativ der späten Jahre ist. Also verzichte ich, sooft es nur geht, auf die Annehmlichkeiten von City-Bussen, U-Bahnen etc. – täglich 10.000 Schritte wären das meist illusorische Ziel. Aber man tut, was man kann. Wer würde da nicht auf solchen Wanderungen gerne einmal eine Pause einlegen (nach Bewegung ist ja die ausreichende Flüssigkeitsaufnahme das zweite Gebot des Altseins).
Und siehe da, auch in Großstadtlokalen entspinnt sich häufig ein Gespräch unter Fremden, fröhlich, unbeschwert. Doch da wird ein offenes Lachen oft von der Seite, wo bis dahin überlegene Nicht-Beteiligung gemimt wurde, mit einer sauertöpfischen Zurechtweisung quittiert. Meist non-verbal, aber mit dem eindeutigen Unterton, der keine Worte braucht: Was hat die Alte denn noch zu lachen? Auffallend ist, dass solche höhnischen Killer-Kommentare meist aus dem Mund jener stammen, die an der Schwelle der 60+ stehen. Da mag die Angst die Quelle der Mieselsucht sein.
Wenn schon nicht immer Empörung, erntet der alte Lacher oft Unverständnis – das herzliche Lachen mit dem Lebensmenschen, nicht schalldicht abgeschottet im stillen Kämmerlein, sondern in freier Wildbahn zieht meist ungläubige bis vorwurfsvolle Blicke auf sich – nie von Jungen, kaum von Alten, fast immer von beinahe Alten.
Natürlich: Ich ignoriere diese stummen Vorwürfe ebenso wie die weniger stummen – was geht mein Lachen schon jemanden anderen an? Aber eigentlich müsste man sagen: Fürchten Sie sich nicht! Lachen Sie weiter – falls Sie je gelacht haben, sonst lernen Sie es schnell, es ist höchste Zeit! Suchen Sie sich rasch Menschen, mit denen Sie unbeschwert lachen können!
Ich spiele gerne Tarock. Gut fürs alternde Gehirn, sagt mein weiser Freund, der Geriater, aber Bridge wäre noch besser. Nur: nicht einmal halb so lustig – davon könnte er sich bei meiner (fortgeschrittenen) „Mädchenrunde“ überzeugen, wo die Freude am Spiel und nicht der Ehrgeiz des Gewinnenwollens herrscht. Wo so gelacht wird, dass wir nachher oft nicht einmal mehr wissen, wer dran ist auszuspielen. Lasst uns lachen, weil wir Fehler machen. Ja, so lässt sich die Last der vielen Jahre und alles, was ungebeten mit ihr kommt, leichter ertragen – gemeinsam herzlich lachend.
Glauben Sie nicht, dass das lächerlich wäre! Die Wissenschaft hat den heiligen Ernst des Lachens längst entdeckt. Man kann sein Gehirn austricksen – schon einige Trainingseinheiten von anlasslosem Lächeln als reinem Muskelspiel können die Stimmung aufhellen (ja, Lachyoga ist bereits erfunden!). Das braucht man zuweilen – und immer öfter auf den letzten Kilometern.
Lieber eine lachende als eine böse, grantige Alte sein (geschlechtsneutral gemeint). Vielleicht habe ich das Sprichwort ja auch immer nur falsch verstanden, dass am besten lacht, wer zuletzt lacht. Zu guter Letzt.
P.S.: Neue Gedanken der Alten lesen Sie in drei Tagen!
