Rund um Weihnachten und Sylvester häufen sich die Ratschläge, wie wir ein für alle Mal glücklich/zufrieden/reich/von allen geliebt/erfolgreich/schön werden können. Psycho-Tanten und Ratgeber-Onkel erklären es uns in Wort und Schrift – aber jedes Jahr anders. Einmal soll man die Wünsche als Bestellungen ans Universum aufgeben (ist es bei Amazon vielleicht billiger?); dann besteht die (bittere) Glücksmedizin im Ordnungmachen in Schubladen (weg mit unnötigem Ballast und den Rest schön ordentlich falten). Heuer heißt der Weg ins Glück: Umarmen Sie Ihr inneres Kind!
Ach.
Ich bin also in mich gegangen, habe das innere Kind gesucht und jemanden ganz anderen gefunden und umarmt: die innere Alte.
Fragen Sie mich jetzt, ob sie sich gefreut hat? Ob sie glücklich gestrahlt und mir milde lächelnd übers blondierte Haar gestrichen hat? Nein. Sie hatte mir vielmehr einiges zu sagen, ruppig wie sie ist (sie ist halt meine innere Alte): „Na endlich. Du hast mich ja ganz schön lang warten lassen, bis Du überhaupt Notiz von mir genommen hast. Hast Du denn wirklich geglaubt, dass ich weg bin, nur weil Dir die Zauberhand Deines Orthopäden eine neue, schmerzfreie Hüfte geschenkt hat? Ach Kinderl, wie kann man in unserem Alter noch so naiv sein?!
Apropos naiv: Zerreißt Dir den Mund darüber, wie oft die Alten diskriminiert werden – und was machst Du mit Dir? Hör doch auf, Dir nichts mehr zuzutrauen – damit diskriminierst Du Dich ja nur selbst. Du wolltest immer einmal bei einem Gipfelkreuz stehen? Keiner verbietet es Dir, geh halt endlich auf einen Berg oder nimm den Sessellift. Zeit hast Du ja. Du hast Dein Leben lang vom großen Auftritt geträumt? Such Dir eine Laien-Theatergruppe! Keiner hindert Dich daran, Dir Deine Wünsche ans Universum selbst zu erfüllen – ich jedenfalls nicht. Achso, Du stehst Dir selbst im Weg, weil Du Dich auf Dein Alter ausredest?! Eine dümmere Ausrede fällt Dir nicht ein?
Noch was: Könntest Du bitte die Selbstgespräche unterlassen, in denen Du alle anderen und das Leben anklagst? Es hat Dich zwar keiner gebeten, die aufwändigen Keks zu backen, aber Du plagst Dich jedes Jahr damit, weil sie „dazugehören“? Für wen? Kann doch sein, dass die Jungen ihre neuen Traditionen haben – und vielleicht eigene Keks. Statt zu grollen, red‘ mit mir. Ich würde sagen: Tu Dir den Stress nicht an, um den Dich keiner gebeten hat. Setz Dich hin mit einer guten Tasse Tee und Deiner Lieblingsmusik, erinner‘ Dich an ein paar schöne, vergangene Momente mit diesen Keks und genieße Dein neues, altes Leben. Ohne Küchenstress, ohne Keks, aber mit mehr Zeit für Dich selbst.“
Sie hat mir noch viel mehr gesagt. Viel Gescheites, manch Unerwartetes, einiges zum Widerspruch Reizendes. Jedenfalls werde ich sie jetzt öfter aufsuchen, die innere Alte. Zum Umarmen ist sie zwar nicht, aber es denk-redet sich gut mit ihr.
P.S.: Neues von der Alten gibt’s in drei Tagen!
