Darf sich eine Alte klammheimlich darüber freuen, dass jemand noch mehr Geburtstagskerzen ausblasen muss als sie selbst? Oder ist das nur der untaugliche Versuch, noch einmal das Wort „jung“ auf sich selbst anzuwenden? (Freilich: Der dafür benötigte Komparativ ist etwas sehr Relatives – zwischen „jünger als das neue Jahrtausend“ und „jünger als ein Steinzeitfossil“ liegen Äonen.)
Nun denn: Feiern wir den Alten. Und zwar lautstark (schon deshalb, weil ich jünger bin, ätsch!). Er wird heuer 80! Der Bikini!
Sollten Sie, geneigter Leser, befürchten, dass dieses kleine gedruckte Geburtstags-Ständchen nur für das schönere Geschlecht bestimmt ist, möchte ich Sie daran erinnern, wie viel Freude der Jubilar gerade Ihnen über all die Jahre gemacht hat – und immer noch macht…
Wahrscheinlich erinnert sich jede von uns an ihren Ersten. Welches Glück, ihn – ein Riesen-Unding als Zeitzeuge eines prüden Zeitalters – sein Eigen nennen und auch noch in aller Öffentlichkeit tragen zu dürfen! Mein erster war in winzigem rosa Vichy-Karo, himbeerrot eingefasst. Nie mehr habe ich einen so außergewöhnlich schönen besessen – wohl, weil die Bikinis zur sommerlichen Normalität schrumpften. (Was sich so alles ins Gedächtnis eingebrannt hat, während mir in Windeseile entschwindet, wo ich vor wenigen Minuten meine Lesebrille abgelegt habe. Jaja, das Langzeitgedächtnis!)
Wenn man der elfjährigen Nachbars-Enkelin davon erzählt, wie gewagt dieser Zweiteiler seinerzeit zu meiner Zeit war, dann erhält man einen Blick, als sei man die letzte Vertreterin des Neandertals. Doch bevor ich aushole, die Vorlesung über das modische Weltbeben, symbolisch benannt nach dem Atoll, das die Atomversuche über sich ergehen lassen musste, zu einem spannungsgeladenen Höhepunkt zu bringen, fällt mir meine Großmutter ein. Und meine Kinder-Gedanken, wenn sie mir davon erzählte, welche Sensation es gewesen ist, als sie den Kaiser gesehen hat. Omi, hast Du auch noch die Ritter gekannt?
Darum hatte ich mir immer vorgenommen, meinem Enkel nicht zu viel von „früher“ zu erzählen – zu schnell wechselt man dadurch von „alt“ nach „uralt“. Und deshalb fasste ich auch den Entschluss, über die technischen Alltags-Entwicklungen zumindest ansatzweise am Laufenden zu bleiben. Man möchte ja in den geliebten Enkelaugen kein Steinzeitmensch sein.
Den Entschluss, eine lebenslange Liebe platonisch werden zu lassen, habe ich schon viel früher gefasst. Auch wenn es uns Zeitgeist-Magazine einreden wollen: Der Bikini ist auch auf dem Körper einer 76jährigen ehemaligen Schönheitskönigin nicht schön. Er ist etwas für junge, schöne Körper und nicht die geeignete Waffe für Aktivistinnen gegen Altersdiskriminierung. Das macht aber nichts. Jedes Ding hat seine Zeit. Und seien wir ehrlich. Wir werden nicht schöner im Alter. Aber besser. Und weiser. (Oh, die Lesebrille! Sie sitzt auf der Nase…)
P.S.: Die Alte kommt wieder – in vier Tagen!
