Die schreckliche Null
Warum wiegt für uns die Null so schwer? Zumindest dann, wenn es um die runden Geburtstage im Alter geht? Man kann sich noch so sehr gegen die Tyrannei der Zahlen auflehnen, ihr Gewicht zu ignorieren versuchen, nur als willkommenen Anlass fürs Anstoßen betrachten – aber nicht diese Runden! Da wird man schnell störrisch – „den feiere ich nicht“. Und mit Genugtuung blickt man auf die langen und verstörten Gesichter seiner Lieben, die nun nicht wissen, was sie mit der geplanten Feier tun sollen. Früher sagten bei diesen Gelegenheiten Kleinkinder Gedichtchen über den „Ehrentag“ auf – ein Wort, das in Sekundenbruchteilen zum Greis macht.
Sie ist schon eine besondere Zahl, diese Null.
Null ist Nichts? Keineswegs.
Für den Mathematiker ist die Null die Zahl, durch die man die ganze Welt sieht. Und wohl auch das ganze Leben.
Schon die Ziffer an sich – sie hat keine spitzen Ecken und Kanten, die ins Auge stechen, vielmehr eine schlanke, ruhige Eleganz ohne Anfang und Ende. Im Unterschied zur liegenden 8 der Unendlichkeit gibt sie den Blick frei auf unsere eigene Endlichkeit. Es sind halt die runden Geburtstage, an denen wir vermehrt an das „Davor“ und „Danach“ denken, eine Art Bilanz ziehen – eine Zwischen-Bilanz, wohlgemerkt.
Zum Trost: Die melancholische Nachdenklichkeit verfliegt, kaum ist die Null von der Eins abgelöst…
C.G. Jung empfahl älteren Menschen, „dass sie jeden Tag so leben sollen, als wären sie noch hundert Jahre hier. Dann werden sie bis an ihr Ende wirklich leben“.
Wirklich leben: Das ist der Schlüssel. Egal wie lange, es ist sehr viel mehr als nur ein „Rest“. Jeder Tag ein Geschenk, ein Anfang, ein Versprechen. Also, warum dann nicht auch die Null feiern?
P.S.: Sollte Ihnen ein solcher oder ein unrunder bevorstehen: Ich gratuliere!
P.P.S.: Bis Freitag – versprochen!
Schweigen ist Gold
Was hätte ich mit 20 gerne gewusst, was ich jetzt weiß? Oder mit 35? Ja, sogar mit 50?
Sagen Sie nicht, das seien müßige Fragen, weil man ohnehin nichts mehr ändern kann – auch falls sich dieses späte Wissen als hilfreich entpuppen könnte. Oder weil man in den jungen Jahren ohnehin die Lebensweisheit gepachtet zu haben glaubte und gern auf fremde Einsichten verzichtete.
Ich stelle mir manchmal diese Frage, weil ich mit zunehmenden Jahren ganz unwillkürlich die wachsende Neigung verspüre, meine Erfahrung mit jüngeren Menschen zu teilen. Wäre doch schade, würden die Nachkommenden nicht von meiner angelebten Weisheit profitieren? Die Frage ist rhetorisch. Die Antwort gibt der vielsagende Antwort-Blick der besten aller Töchter: Ja Mutter, ist schon gut. Danke. Aber: Danke, nein.
Natürlich: Früher hatte ich es noch selbst gewusst – jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen. Das kann man auch als liebende Mutter seinem Nachwuchs nicht ersparen – jeder muss sich den Kopf selbst anhauen, bevor er lernt aufzupassen. (Diese Weisheit, die freilich nicht erst in den späten Jahren herangereift ist, sondern irgendwie „früher“ ein Gemeinplatz des kleinen Erziehungs-Einmaleins war, würde ich gerne mit den Helikopter-Eltern teilen, die ihren Nachwuchs durch ständige Überwachung beschützen wollen. Ist schon ein Jammer, dass man niemandem an dem unendlichen Schatz der eigenen Lebenserfahrung teilhaben lassen kann.)
Das ist die eine Seite. Die andere ist aber nicht minder ernüchternd: Die Antwort auf die Frage, was hätte ich mit 20 (35,50) gerne gewusst, was ich jetzt weiß, ist eigentlich nur mit einer Gegenfrage zu beantworten: Was hätte sich denn ausgezahlt zu wissen?
Etwa – für den großen Liebesschmerz der 20jährigen: Ein gebrochenes Herz setzt voraus, dass man überhaupt eines hat. Und wie die Erfahrung lehrt: Große Gefühle können halt auch weh tun. Geht aber vorüber. Und wenigstens in Herzensangelegenheiten kommt oft etwas Besseres nach.
Oder für die bedrohliche Zukunfts-Ungewissheit eines 35jährigen: Man ist nie zu alt, um auf die Nase zu fallen. Aufstehen und weitermachen. Das Leben geht weiter – auch wenn es manchmal eindeutig zu weit geht.
Oder für die Endzeit-Panik einer 50jährigen: Kein Grund sich aufzuregen – das ändert ja doch nichts. Mach das Beste draus.
Das alles stimmt – aus der späten Perspektive. Aber hätte ich das gerne früher gewusst? Hätte es irgendwas gebracht? Nein – denn eigentlich heißt es nichts anderes als: Ist alles nicht so wild – die Tränen, die Ängste, die Sorgen nicht wert. Aber hätte man auf all diese großen Gefühle verzichtet – es wäre kein Leben gewesen. Zumindest keines, das sich ausgezahlt hätte. Drum vergrab ich meinen Erfahrungsschatz tief in mich hinein und bin froh, dass sich niemand daran hält, wenn mir einmal etwas davon unabsichtlich herausrutscht.
P.S. Immer wieder freitags!
Altes Eisen?
Der große Psychiater Oliver Sacks hat seine Lebensjahre immer mit den Ordnungszahlen der Elemente im Periodensystem verknüpft. Demnach wäre ein Siebziger verbunden mit Ytterbium (Yb), einem nicht gerade aufregenden Metall, das aber (immerhin!) zu den seltenen Erden zählt. Und dass dieses mit Yb beginnende Kapitel ein besonderes sein muss, zeigt schon sein Endpunkt: 79 steht nämlich für Gold. Das klingt wie ein Auftrag: Mach Dich auf den Weg zum Gold. Damit man mit 80 dann so ist, wie das zugeordnete Element Quecksilber – glänzend und lebhaft.
Seit die westliche Welt immer stärker ergraut und Alter ein Thema der Werbung ist, werden die Trivialitäten wie „60 ist das neue 40“ und „Best-Ager“ immer zahlreicher. Als ob eine derartige Verbal-Behübschung die Wahrheit der Zahl Lügen strafen könnte.
Dabei muss man nichts behübschen. Alter ist ganz einfach.
Erstens weil „Ich“ immer noch „Ich“ bin, in den Siebzigern wie als Teenager.
Zweitens weil es vom Standpunkt abhängt: Alt – das ist immer jemand, der älter ist als ich, – also bin ich noch nicht alt. Und wenn schon.
P.S.: Bis nächsten Freitag!
