DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Zwei Klassen Alte?

(Heute einmal ernst….)

Ich weiß schon, man darf nicht immer alles auf sich beziehen. Aber das Wort „Pflege“ setzt bei einem alten Menschen wie mir eine böse Gedankenspirale in Gang: alt, hilfsbedürftig, abgeschnitten vom Leben, eine Last für die eigenen Kinder, Endstation Heim, dem Ende zudämmernd. Und diese unerwünschte Zukunft kostet die Allgemeinheit auch noch viel zu viel Geld. Die Regierung hat schon Milliarden locker machen müssen, um den eklatanten Mangel an Pflegekräften (vielleicht) zu lindern und (schon davor) die Vermehrung der Plätze in Heimen zu sichern. Zwei Schritte einer „Pflegereform“…

Doch fragt sich: Wenn jeder sich wünscht, dass ihm die ultimative Hilflosigkeit erspart bleibt, wenn Alten-Pflege schon personell kaum zu leisten ist, warum versucht man es dann nicht mit einer „Pflege-Vermeidungs-Reform“?

Fachleute, die sich mit dem fragilen alten Organismus und den abnehmenden Fähigkeiten des Gehirns auskennen, sagen, dass man mit sehr wenig Unterstützung die meisten Menschen dort leben lassen kann, wo sie so lange wie möglich leben wollen – in ihrem eigenen Zuhause – und auch wie sie leben wollen – selbstbestimmt. 

Würde viel von dem Geld, das wir in ungewollte Heim-Betreuung stecken müssen, dazu verwendet, den alternden Menschen zu helfen, verlorene Muskelkraft wieder aufzubauen, den schwächer werdenden Gleichgewichtssinn zu schulen, das Gehirn durch den Neuerwerb beispielsweise einer Sprache oder das späte Erlernen eines Musikinstruments aktiv zu halten – was könnte das alles verändern! Weniger Stürze, mehr Selbständigkeit, weniger Verwirrung, längere Aktivität – kein Dämmern, Leben!

Ja, es gibt Fitness-Center, Tanz-, Sprach- und Musikkurse und vieles mehr. Doch wenn man ihre Preise anschaut, dann weiß man, warum öffentliche Investitionen in ein derartiges Angebot für alte Menschen notwendig wären: Damit wir nicht auch noch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft beim Altern bekommen. Die, die sich’s leisten können, sind in der Lage, aktiv und gesünder zu altern, die, die mit ihren Pensionen kaum durchkommen, nicht? Das darf doch nicht sein.

Dazu kommt, dass solche Aktivitäten meist in Gruppen stattfinden: Das wäre für viele, denen ein grausames Schicksal oft alle Bezugspersonen genommen hat, ein Weg aus der sozialen Isolation. Und Vereinsamung ist, das ist bekannt, ein direkter Weg in den geistigen Verfall.

Geld und politisches Hirnschmalz in Pflege-Vermeidung zu stecken, wäre eine echte Reform. Dänemark hat es schon vor Jahrzehnten vorgemacht: Statt in ungeliebte Heime wird in ein reiches Aktivitäts-Angebot investiert, gezielt unterstützt, das Leben in Wohngemeinschaften organisiert, wenn es nicht mehr anders geht. Und daraus wurde eine Erfolgsgeschichte – für die Gesellschaft und für jeden Alten.

Wir schauen doch sonst so gerne auf skandinavische Vorbilder – warum gerade dabei nicht?

Ich liebe sie noch immer. Justament!

Ich gestehe. Ich habe sie geliebt.

Ich bereue nichts, im Gegenteil. Hoch erhobenen Hauptes und mit der mir zustehenden Portion Altersstarrsinn will ich allen verurteilten und verdammten Geliebten meiner jungen Jahre ein Loblied singen. Mit der geballten Leidenschaft einer Großmutter. 

Warum auch nicht: Der Richter ist ja nur der Zeitgeist.

Was ist denn die vornehmste Aufgabe einer Omi? Das Vorlesen. Eben. Wo doch sogar die Wissenschaft bestätigt, dass das dem Enkel einen reichen (Wort-)Schatz schenkt und ihn mit der Liebe zum Buch, zur Literatur ansteckt. Und darum liest man vor, was man selbst geliebt hat, wodurch man selbst zum Leser wurde. 

Aber diese Liebe ist heute ein Vergehen. Angeblich.

Ach, Pippi Langstrumpf, ich habe noch gelesen, dass Dein Vater Efraim ein Negerkönig ist. Und so wie Du habe ich das als eine hohe Ehre empfunden – und nicht als Beleidigung dunkel Pigmentierter. Mein schönes Schneewittchen darf nicht mehr putzen, singen und sich küssen lassen – das widerspricht der feministischen Doktrin. Und Du Fritz: Von Dir habe ich gelernt, dass man seiner Mutter folgen soll – und nicht, dass der böse Kindesentführer Hadschi Bratschi ein Türke ist und damit eine Beleidigung für Zuwanderer.

Und Du, meine frühe Liebe Winnetou! Du musst jetzt sterben, weil Du der erstaunlichen Phantasie eines Weißen entsprungen bist, der Deine Prärie zwar nicht kannte, aber eine der schönsten Erzählungen über Freundschaft geschaffen hat? Freundschaft, die nicht nach Hautfarbe fragt, so wie es jetzt die übereifrigen neuen Rassisten tun.

Nur wer Literatur nicht versteht, nimmt sie wörtlich. 

Aber, um meinen geliebten Enkel vor den hoch erhobenen Augenbrauen der PC-Apostel zu bewahren, stammle ich halt beim Pippi-Lesen von Südsee-Insulanern (besser?) herum. Schneewittchen wird schon nicht sein Frauenbild verderben – und für Winnetou ist er (leider, leider) noch zu klein. Aber ja, ich werde ihm den (vielleicht nur in der Erinnerung) tollen Film mit dem rot geschminkten Pierre Brice vorspielen. Ich werde ihm auch den schwarz geschminkten Sir Lawrence Olivier als besten aller Othellos zeigen. Die Theaterschminke dient nicht der kulturellen Aneignung, sondern der Aneignung von Kultur. Noch dazu ist ja Winnetou ein Edler und Othello das Opfer des absolut Bösen – des Weißen Jago. Und das müsste doch die neuen Rassisten freuen, aber dazu müssten sie in ihrer Kindheit sinnerfassendes Lesen gelernt haben. 

Sollen wir denn unsere Enkel wirklich den nur zum Kämpfen trainierten Pokémons überlassen? Werden sie dadurch bessere Menschen als durch die herrliche Kinderliteratur, die ihnen die politisch Korrekten vermiesen? Wird die Welt dann besser – oder nur ärmer?

P.S.: In vier Tagen gibt’s wieder was zu lesen. Frohe Ostern!

Morgenstund‘ hat Glück – im Mund?!

Wo ist nur das Murmeltier hingekommen? Jenes Wesen, das am späten Morgen einmal kurz in die Sonne blinzelte, die Decke über den Kopf zog und die schönsten Stunden Schlafs zelebrierte. Und das nicht nur, weil die Nachteulen-Exzesse weggeschlafen werden mussten. Nein, mein junges Ich, gerade dem Terror der Schulglocke entronnen, genoss nichts mehr als diese vormittägliche Wachheits-Verweigerung. 

Es folgten Wecker-Tyrannei, Berufspflichten, Babygeschrei vor Morgengrauen, erneut der Kasernenhofton der Schulglocke – und dann die Pension. Endlich: ein neues goldenes Zeitalter des Murmeltiers!

Doch ach – was ist nur geschehen?

Da könnte ich nun nach Herzenslust schlafen – und tappe lang vor Tagesanbruch in die Küche, um mir den Morgenkaffee zu kochen. Und dabei murmle ich nicht widerwillig vor mich hin, weil mich vielleicht Schlaflosigkeit aus dem Bett getrieben hätte. Nein, ich bin ganz glücklich und wach (auch nach wenigen Schlaf-Stunden), freu mich auf den ersten Espresso nicht wegen eines benötigten Koffein-Schubs, sondern einfach, weil er der erste Genuss des Tages ist. 

Natürlich könnte man es auch senile Bettflucht nennen. Tatsächlich aber ist es reine, ungetrübte Morgen-Freude: Was wartet nicht alles auf mich! Das Morgenrot, ein Frühlings-Vogelgezwitscher, liebe „alte“ und überraschende neue Menschen, Abenteuer (wenn auch im Mini-Format), Gaumenfreuden, Lächeln und Lachen, ein gemütliches Lese-Stündchen, Musik… Herrlich! Ein neuer Tag!

Und dieses sprudelnde Hochgefühl ist nicht Resultat zwanghafter Selbstdisziplin (Da es der Gesundheit förderlich ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein, heißt es bei Voltaire). 

Im Gegenteil, es ist einfach die Natur des Menschen – das sagt zumindest die Wissenschaft (und der wollen wir doch glauben). Die größte einschlägige Studie – durchgeführt vom University College London – hat nämlich festgestellt, dass uns die Welt am Morgen nachgerade entgegenlacht. Zwei Jahre lang wurden 50.000 Erwachsene befragt – über Glücksgefühl, Lebens-Zufriedenheit und das Bewusstsein, dass ihr Leben einen Sinn hat. Und siehe da, am höchsten waren die Werte jeweils am Morgen. Über den Tagesverlauf verliert sich das natürlich (auch Optimisten werden müde) – und bitte, schlafen Sie unbedingt vor Mitternacht ein, denn die Geisterstunde markiert den absoluten Glücks-Tiefpunkt des Tages (wie der Name schon sagt: Geister!). 

Montage und Freitage sind übrigens die Wochenhöhepunkte für Optimismus und Glücksgefühle. Am Sonntag stehen Sie dagegen besser gar nicht auf, Sie riskieren, in ein schwarzes Loch zu fallen. Und falls es nur um Glück, aber nicht gleich um den Sinn des Lebens geht, dann ist der Dienstag der Tag!

Dass der Sommer unter den Jahreszeiten der Glücksgarant ist, hätte man mir nicht sagen müssen. Ich weiß nämlich ganz ohne wissenschaftliche Nachhilfe: Im nächsten Leben werde ich unbedingt ein Zugvogel.

P.S.: Und bis zu diesem geflügelten Dasein wird weiter geschrieben: In vier Tagen wieder!

Wer ist die Alte?

Die Alte hat ein Journalistenleben hinter sich. Zuletzt schrieb sie einige Jahre lang die Kolumne „Alt, na und?“ im KURIER. Nun ist sie modern geworden und ins Netz gegangen…

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
briefkasten@diealte.at

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